20 Jahre UHUDLA

Interview

Veröffentlicht in der AUTOREN SOL!DAR!TÄT
Börsenbtatt österreichischerAutorinnen, Autoren & Literatur Nummer 3/2012.
Mit Walter Lohmeyer, Autor und längst dienender Kolporteur des UHUDLA, sprach Dieter Scherr.

Der „Uhudla“ hat ein anderes Konzept als andere Straßenzeitungen; eine neue Ausgabe erscheint nicht nach Termin-Vorgaben, sondern erst, wenn eine Num­mer ausverkauft ist, ein Vorteil?  

Lohmeyer: Das Printmedium „Uhudla“ ist nicht nur die älteste, sondern auch die „originellste“ Straßenzeitung Österreichs. Unser Konzept ist es, einerseits sowohl unseren Leserinnen und Lesern eine qualitativ gute Zeitung zu bieten als auch den Verkäufern und Verkäuferinnen die Möglichkeit zu geben, sich über das Pro­jekt „Uhudla“ soweit zu erholen, um dem Leben noch zu entreißen, was bis dato, aus welchen Gründen auch immer, nicht möglich war. Allerdings unterscheiden wir uns auch dadurch, daß wir weder ab­hängig (finanziell) noch beeinflussbar sein wollen. Schon vor einigen Jahren hat sich deshalb der Herausgeber Martin „Max“ Wächter entschieden, auf Qualität statt Quantität – im Einklang mit den finanziel­len Möglichkeiten – zu setzen: „Wir er­scheinen nur viermal im Jahr.“ Gerade in einer Zeit, in der vermeintlich bedürfti­ge Zeitungsverkäufer von den „echten“ nicht mehr so wirklich zu unterscheiden sind und in der die gesamte Gesellschaft durch künstlich geschaffene Krisen und weit aufgespannte Bankenschutzschirme so ziemlich in die Mangel genommen wird, war das eine goldrichtige Entschei­dung. Übrigens bedeutet das griechische Wort Krisis „Umkehr zur Freude“.

Bitte ein paar Angaben zu den Verkäufe­rinnen und Verkäufern der Zeitung.

Lohmeyer: Beim „Uhudla“ kann jeder ver­kaufen, der verkaufen möchte; allerdings sollte beziehungsweise muss er / sie sich an gewisse Spielregeln halten. Nennen wir sie der Einfachheit halber die „Spiel­regeln des Lebens“. Also: Sei freundlich, nicht unterwürfig, sei ehrlich, nicht auf­dringlich, sei einfach normal, und du wirst normal behandelt. Und: Laß‘ deine Probleme (Alkohol, Drogen etc.) links lie­gen, versuche nicht sie wissentlich zur Schau zu tragen. Nun zu meiner Wenig­keit: Ich war selbst über acht Jahre ob­dachlos. Sich auszureden auf eine Schei­dung (zum Heiraten g’hören zwei, zum Scheiden bekanntlich auch) oder sonsti­ge Schicksalsschläge, liegt mir nicht und würde auch die Realität nicht treffen. Ich war einfach überheblich und größen­wahnsinnig, habe damals als leitender Angestellter einer großen Versicherung viel, sehr viel Geld verdient, etwa 40.000 Schilling monatlich, bin dann dem Alko­hol verfallen – und fand mich auf der Straße wieder. Dort hatte ich zwei ständi­ge Begleiter: a) Selbstmitleid und b) die Flasche.

Wie überlebt man ohne Geld und Dach über dem Kopf?

Lohmeyer: Als Obdachloser lebst du wirk­lich nur von heute auf morgen. Du hast keine Perspektiven mehr. Durch Zufall, über die „Gruft“, bin ich 1997 zum „Uhudla“ gekommen und hatte seit lan­gem wieder Ziele, Aufgaben gesehen, Ho­rizont erblickt. „Max“ und Margit Wächter, haben trotz meines damals noch Alkohol geschwängerten Daseins an mich ge­glaubt, mir auch so etwas wie „Heimat“ und Zuhause gegeben. Das hat mich be­stärkt, aber auch verändert. Bei einem Spitalsaufenthalt wegen einer Lungenent­zündung ist man draufgekommen, dass ich zuckerkrank bin, sicher eine Reaktion auf mein unstetes Leben. Da habe ich mich entschieden, mein Leben neu zu le­ben. Ohne Alkohol, ohne Straße, ohne sonstige G’schichten. Und ICH habe zu trinken aufgehört, das sage ich nicht ganz ohne Stolz. Und zwar ohne Entzug, ohne ärztliches Händchenhalten. Dadurch hab ich alles wieder klar und nüchtern gese­hen, Dinge in Angriff genommen, die ich bis dahin vor mir hergeschoben habe, nämlich meine Schulden zu zahlen und mich ernsthaft damit auseinanderzuset­zen, mit Hilfe der Gemeinde Wien eine Wohnung zu bekommen. Wenig später hat man bei Martin „Max“ Wächter eine Lungenerkrankung diagnostiziert und für den „Uhudla“ blieben zwei Optionen, ent­weder zusperren (ganz schlecht) oder aber jemanden finden, der ihn leitet (recht und schlecht). Dieser jemand bin seit zir­ka sechs Jahren ich, und ich bin es ger­ne. Heute lebe ich glücklich und froh im 12. Bezirk in einer „Gmoa“-Wohnung, knapp vierzig Quadratmeter groß. Und ich bin zufrieden, weil ich …

Sind Sie gebürtiger Wiener?

Lohmeyer: Ich bin in Klagenfurt geboren, Jahrgang 1956, und in Graz aufgewachsen. Seit 27 Jahren lebe ich in Wien. Achteinhalb Jahre davon war ich, wie ge­sagt, obdachlos.

Haben Sie vor Ihrer Zeit bei der Straßen Zeitung auch schon geschrieben?

Lohmeyer: Als Dreizehnjähriger war ich erstmals journalistisch tätig und verfasste für die Sportredaktion der „Kleinen Zei­tung“ drei Mini-Artikel. Mit siebzehn Jah­ren war ich als Journalist beziehungswei­se Lokalredakteur bei der „Süd-Ost Ta­gespost“ und der „Sonntagspost“, musste mir aber damals die Beiträge für die Krankenkasse selbst zahlen. Dann kam ich in die Versicherungsbranche. also weit weg von publizistischen Dingen. Erst durch die Obdachlosigkeit und durch das Kennenlernen des „Uhudla“ habe ich wieder mit dem Schreiben begonnen. Erst zaghaft, piano; jetzt in jeder Ausga­be. Ich bin Verfasser der kontinuierlich erscheinenden Rubrik „Mit offenen Au­gen“ sowie von Stories, die mir das Le­ben, die Gesellschaft, die Zeit, erzählen. Ich kann aber leider nur abends schrei­ben, da ich tagsüber ja umtriebigst in Wi­en und Umfeld „verkaufstechnisch“ un­terwegs bin.

Besitzen Sie die Artikel aus Ihrer Jugend noch?

Lohmeyer: Leider ist durch die damalige Delogierung auch mein „früheres Leben“ zwangsgeräumt worden. Ich war auch so­wohl psychisch als auch physisch, glau­be ich zumindest, nicht in der Lage, ir­gendetwas von diesen Dingen zu retten. Einerseits gut, denn „over is over.“ Materi­elle Verluste sind ersetzbar, und alles an­dere, die wirklich wichtigen und wahren Dinge des Lebens, trägt man im Kopf-so effizient kann kein Computer sein. Ob­wohl ich alle meine Stories und Ge­schichten direkt in den PC hämmere.

Was sind Ihre Themen?

Lohmeyer: Die Themen meiner Berichte, Storys, Geschichten sind recht unter­schiedlich. Für die vorletzte Ausgabe (Nummer 96) habe ich zum Beispiel den Artikel „Am Anfang war der Uhudla“ verfasst, eine Geschichte der Straßenzeitun­gen. Von den Anfängen 1927 in Stuttgart bis hin zum Wiener „Augustin“, der „Kupfermuckn“ in Linz, dem „Apropos“ (früher „Asfalter“) in Salzburg, dem Inns­brucker „20er“, dem Grazer „Megaphon“ oder dem „Eibisch-Zuckerl“ in Wiener Neustadt – und natürlich dem „Uhudla“. Heute gibt es meines Wissens 112 Straßenzeitungen in vierzig Ländern. In jeder „Uhudla“-Ausgabe erscheint mei­ne Kolumne „Mit offenen Augen“. Und ein frei erfundenes Horoskop zur Glück­seligkeit- bisweilen darf ja auch gelogen werden. Eine Rebellion im Universum mit 15 Kreiszeichen, von Ameisenbär bis Single, von Austern (Plural) bis Tiger, von Bison bis Vogelspinne: ein bisserl gspaßig, denn so soll’s auch sein im Leben … life shall be joy.

Warum schreiben Sie unter dem Pseudo­nym Marc Aurel?

Lohmeyer: Marc Aurel deshalb, weil der Mann ein relativ friedlicher und auch blitzgescheiter römischer „Cäsarius“ war. In der aktuellen Nummer zeichnete ich meine Kolumne mit meinem richtigen Namen; da geht es um den Bilderkünst­ler Mario Lang, einem „Multibegabten mit Qualitätsgarantie“. Übrigens verwende ich auch das Pseudonym Jean Marc Re­mole, ich hab ein bisserl eine frankophi­le Ader.

Haben Sie auch längere Texte verfasst?

Lohmeyer: An längeren Texten habe ich mich schon versucht, ja. Allerdings wur­de mein „Qualtinger“ nie veröffentlicht. Auf die Idee zu diesem Text bin ich ge­kommen, weil der Archiv Verlag eine CD- Serie über den, wie ich denke, größten Kabarettisten, den Österreich jemals hat­te, herausgebracht hat.

Darf man dennoch mit einer Buch Publikation von Walter Lohmeyer rechnen?

Lohmeyer: Für die Zukunft plane ich, Sie haben prophetische Ambitionen, ein Buch. Aber erst nach Beendigung meiner verkäuferischen Tätigkeiten. So nach dem Motto „Ein Kolporteur packt aus“. Keine Sorge, ich will mich nicht auf Kro­ne-Niveau down graden. Einfach meine Erlebnisse, Highlights, Lustiges, Be­schauliches, Tragisches, Trauriges etc. niederschreiben. Die wahren Abenteuer sind ja im Kopf (Copyright: André Heller), und die will ich eigentlich gerne zu Papier bringen. Kommt Zeit, kommt Rat.

Haben Sie journalistische, literarische oder sonstige Vorbilder?

Lohmeyer: Vorbilder, Vorbilder. Ich per­sönlich halte nicht viel davon. Es gibt Mil­lionen von Menschen, die mir Vorbild sein könnten (in literarischer bezie­hungsweise journalistischer Hinsicht). Doch man läuft auch Gefahr, daß man die Kopie einer fähigen Literatin, eines fähigen Literaten wird. Jeder hat seinen eigenen Stil, seine eigenen Erlebnisse, seine Sicht, Dinge zu sehen. Was ist ob­jektiv? Meines Erachtens nicht einmal die originalgetreueste Film-Doku. Die Fakten – ok. Doch die Betrachterin, der Be­trachter dreht den Film, übersieht mei­netwegen – nur zum Beispiel – das klei­ne Kaninchen, weil der monumental er­scheinende Löwe so fasziniert. Daher für mich: Bewunderung ja, Vorbild nein. Klingt schon ein wenig überheblich, but for me, that’s it.

Was ist eigentlich aus der „ Edition Uhud­la“ geworden?

Lohmeyer: Die „Edition Uhudla“ wurde vor etwa sechs Jahren eingestellt, zuge­sperrt. Auch wegen Wachters unheilbarer Lungenkrankheit, die ihn zwingt, zwei Drittel des Jahres – der Luft wegen – in Por­tugal zu leben. Aber das Verlagswesen hat im Allgemeinen Einbrüche erlitten, und kleine „Micky Maus-Verlage“, wie wir einer waren, hätten wohl ohnehin keine Chance gehabt zu überleben. – „Und Schulden machen wir keine!“
(Copyright: Maxi Wachter).

Das Interview als pdf (zum Download)

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