Mit der Kraft des Volkes

Portugiesische Verhältnisse und die Hoffnung in Lousitanien ■ Er ist wieder da, der Wille zum Widerstand und die Kraft des Volkes für eine Veränderung der tristen politischen Verhältnisse. pcpMannigfaltige Lösungen für eine bessere und gerechte Zukunft haben mehr als 100.000 Portugiesinnen und Portugiesen aus allen Teilen des Landes in Lissabon in einer beeindruckenden Demonstration auf die Straße getragen.
Mit von der Partie war Martin Wachter
Erschienen in der UHUDLA Ausgabe 103/2015

Lisboa, Samstag 6. Juni 2015. Bunt, bunter, am buntesten – strahlender Sonnenschein und 37 Krügerl, nein Grad im Schatten. Zigtausende Luftballone und Fahnen in rot, gelb, grün, weiss, blau und ebensoviele Tafeln mit Sprüchen gegen die herrschende Politik in Lousitanien, mit Aufrufen für ein besseres und gerechteres Leben in Anstand und Würde, verwandelten die Prachtstrasse im Herzen der Stadt am Tejo in ein buntes Farbenmeer. Die DemonstrantInnen und TeilnehmerInnen am „Nationalen Marsch mit der Kraft des Volkes” verwandelten die Avenida da Liberdade  in eine Festmeile der Ausgelassenheit und Freude.
Zu diesem außergewöhnlichen portugiesischen Protesttag hat die CDU aufgerufen. Diese Partei verbindet in ihrem Logo Hammer und Sichel und eine Sonnenblume. Um bessere Chancen gegen die seit der Nelkenrevolution starken portugiesischen Sozialisten zu haben und um auch den Grünen eine Mitwirkung im portugiesischen Parlament zu garantieren, gründeten die Partido Comunista Português (PCP), die Partido Ecologista Os Verdes (PEV) sowie die Bewegung Intervenção Democrática im Jahr 1987 das Wahlbündnis mit dem Namen Coligação Democrática Unitária.

„Grândola Vila Morena”, der Revo-Hit als Wegbegleiter auf der Avenida

Es ist 8 Uhr morgens. An einer Bushaltestelle der Kleinstadt Lagos im südwestlichen Eck von Portugal steht ein komfortabler Reisebus. Eine wartende Menschentraube steigt ein. Nach ein paar Stopps füllen sich die Sitze. Die AktivistInnen der Kommunistischen Partei haben die Fahrt in die 300 Kilometer ferne Metropole  Portugals organisiert. Kostenbeitrag 2,50 Euro pro Kopf und Nase.
Zwei Stunden später biegt der Bus auf einen Parkplatz ab. In der Nähe von Grandola treffen weitere Busse ein. Allein von der Algarve sind 14 Busse unterwegs zur Großdemonstration. Mehrere hundert Reisegefährte sind zur selben Zeit aus allen Himmelsrichtungen nach Lisboa unterwegs. Die Stimmung der Passagiere in dem kleinen Wäldchen am Autobahnrastplatz ist ausgelassen und fröhlich. Viele Menschen schleppen große Kühltaschen mit Speis‘ und Trank. „Grândola Vila Morena”, das musikalische Markenzeichen der portugiesischen Nelkenrevolution vom 25. April 1974 ertönt zum ersten Mal. Der Revolutionshit wird an diesem Tag noch tausendfach erschallen.
Der frühe Nachmittag. So weit das Auge reicht, säumen Busse die Zufahrtsstraße zum Platz des Mârques de Pombal im Zentrum der Stadt. Zigtausende Menschen mit Luftballonen, Fahnen, Spruchbändern und bunten Schautafeln bevölkern das Areal. Den TeilnehmerInnen an der Massenkundgebung ist anzusehen, dass sie mit Stolz ihren Widerstand gegen das EU-Establishment und die unfähige eigene Regierung auf die Straße tragen.
Sie alle wissen, dass sie einen Beitrag für eine bessere Zukunft Portugals leisten. Viele Transparente und Schautafeln stellten die menschenverachtenden Konzepte der EU-Granden und die erniedrigenden Empfehlungen der Troika an den Pranger. Die Privatisierungs- und Sparpolitik der konservativen Koalitions-Regierung von Premierminister Pedro Passos Coelho war einer vielfältigen Kritik ausgesetzt.
Aus Portugal sind seit 2010 fast 700.000 Menschen abgehauen. Sehr viele „Wirtschaftsflüchtlinge” sind akademisch gebildet. Diese Menschen sind motiviert, ihrem Leben eine neue Perspektive zu eröffnen. Sie opfern ihren Notgroschen für ein Abenteuer in Brasilien, Angola, Mocambique oder den nördlichen Nachbarländern in Europa. In Zukunft fehlt den PortugiesInnen genau diese Schicht für eine Wandlung des Landes von Not und Elend in eine positiv politisch und wirtschaftlich erfolgreiche Richtung.

Weitreichende Lösungsvorschläge  für ein besseres Leben

Bezeichnend ist, wie die derzeitige herrschende Regierung die Lage in Lousitanien einschätzt. Portugals Premierminister Pedro Passos Coelho von den volksparteiähnlichen Sozialdemokraten hat vorwiegend Jugendliche dazu ermutigt und empfiehlt ihnen: „Wenn man arbeitslos ist, muss man seine Komfortzone verlassen und außerhalb der Landesgrenzen das Glück suchen. Genannter Ministerpräsident hat seit 1995 immer wieder Steuern nicht bezahlt oder nur teilweise beglichen. Mehrere Verfahren waren bei Gericht anhängig. Einige wurden wegen Verjährung eingestellt und in anderen Prozessen beteuerte Passos Coelho, nicht gewusst zu haben, dass er die Steuern und Abgaben an die FAlgarveinanz leisten sollte. Mehrere Kolleginnen und Kollegen auf der Regierungsbank müssen sich ebenfalls mit teilweise noch schwereren Vorwürfen mit der Justiz herumschlagen. Der von 2007 bis 2011 regierende Sozialist (sozialdemokratisch) José Socrates sitzt seit November 2014 im Gefängnis. Ihm werden Betrug, Geldwäsche und Bestechung im zweistelligen Euromillionen Bereich angelastet.
Nach 14 Uhr.  Der Demonstrationszug formiert sich. Zwei Stunden lang wogt ein buntes Farbenmeer auf der Avenida da Liberdade. Gefordert werden gerechte Enlohnung, Chancen für die Jugend, Bessere Bildung und Ausbild­ung, eine 35 Stunden Arbeitswoche, mehr Geld für PensionistInnen und und, und…
In seiner Rede auf der Abschlusskundgebung warb der portugiesische KP-Häuptling Jerónimo de Sousa für eine alternative Politik. Er kritisierte die oppositionellen Sozialisten, weil es ihnen an gesellschaftsverändernden Konzepten mangelt, und weil sie mit ihrer Politik das kapitalistische System der Unterdrückung und Ausbeutung sowie die EU der Konzerne und Banken unterstützen.

José Saramago und die „Hoffnung im Alentejo” für das ganze Land

Die Großdemonstration und die Inhalte der Reden lassen neue Hoffnung für das notleidende Volk des ärmsten Landes an der Nordwestflanke der EU aufkeimen. Die Zeilen des engagierten portugiesischen Kommunisten und Literaturnobelpreisträgers José Saramago erscheinen in einem neuen Licht. Die „Hoffnung im Alentejo” könnte sich bald auf das ganze Land ausdehnen.
18 Uhr und 30 Minuten. Ende des bunten und ausgelassenen portugiesischen Weltverbesserungs-Tages mit dem Absingen der Internationale. Das elektronische Thermometer am Rande des Platzes Restauradores zeigt, wie Stunden davor, noch immer 37 Grad Celsius an.
Am Ufer des Tejo, dasselbe Bild wie vor fünf Stunden, vor dem Beginn des Großkampftages. Eine Buskolonne so weit das Auge reicht. In Windeseile verschwinden die Menschenmassen mit den Autobussen. In der Dämmerung, unterwegs nocheinmal eine Stunde Aufenthalt. In den Beisln an der Hauptbundesstraße des Alentejo wird der Tag in fröhlicher Stimmung gefeiert.
Jung und Alt sind sich einig, dass es sich lohnt, für eine bessere und gerechtere Welt auf die Strasse zu gehen. Ein Bus nach dem anderen biegt von der Raststätte in die Straße und die roten Rücklichter entfernen sich in finsterer Nacht. Eine Stunde vor Mitternacht sind auch die DemonstrantInnen aus Lagos an ihrem Endziel angekommen. Statt „Gute Nacht” ist „até a proxima“ – „bis zum nächsten Mal” – zu hören.

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3 Gedanken zu “Mit der Kraft des Volkes

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