Am Anfang war der UHUDLA

cropped-uhudla_ausgaben.jpgDie Geschichte der Straßenzeitungen. Das Salz im medialen Einheitsbrei ■ Straßenzeitungen sind längst zum Begriff einer Großstadt geworden. Die VerkäuferInnen für viele selbstverständlich, manchen gehen sie auf die Nerven, einigen ist es egal, für die meisten aber wurden und werden diese Zeitungen immer mehr zur Alternativpresse.
Von Marc Aurel veröffentlicht in der UHUDLA Ausgabe 96/2012

Straßenzeitungen werden zum Sprachrohr all jener, die sich vom Establishment überrollt fühlen. Diese Menschen finden es einfach gut, dass „in einer profitgesteuerten, globalisierenden Welt, ,Weltverbesserer‘ die Möglichkeit haben, ihren Unmut auch in einer Zeitung kund zu tun. Als Nebenefekt können die Kolporteur­innen und Verkäufer dieser Zeitschriften einer sinnvollen Arbeit nachgehen“. So analysieren die WissenschaftlerInnen an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik den Sinn und Zweck der Straßenzeitungen.
Blicken wir nun hinter die Kulissen, drehen wir das Rad der Zeit zurück, weit zurück. Begeben wir uns zu den Anfängen.

Brügel wurde wegen Landstreicherei und Verhetzung verhaftet

1927 war es Günther Brügel, ein Literat und Landstreicher aus Balingen in Stuttgart, der mit „Der Kunde“ die erste Straßenzeitung verfasste und auch selbst, mit einigen Kommilitonen, verkaufte.
Günther Brügel wurde wegen Landstreicherei und Verhetzung verhaftet, „Der Kunde“ beschlagnahmt. Sein Nachfolger Gregor Grog, ein bekennender Anarchist gründete daraufhin die Bruderschaft der Vagabunden, deren Schutzpatron Till Eulenspiegel war, er selbst von der Bevölkerung als „König der Vagabunden“ tituliert wurde. Gre­- gor Grog rief 1929 zum internationalen Kongress der Vagabunden und Tausende kamen.
Diese Bruderschaft war zugleich auch eine Künstlerbewegung, die 1929 in einer Kunstausstellung gipfelte, mit der Veröffentlichung der „Vagabundenmappe“. (Deutschland hatte damals ca. 70 000 Obdachlose, bis 1933 stieg die Zahl auf sagenhafte 450 000 an) . An Verkäufer­Innen mangelte es Grog  also nicht, an der Akzeptanz aber schon.
Die nächstfolgenden Ausgaben verkauften sich mehr schlecht als recht. Bis 1933 das vorhersehbare Ende kam. Hitler gelangte an die Macht, seine Schreckensherrschaft zerstörte Europa, die ganze Welt. Sein Adlatus Himmler ließ dieses „arbeitsscheue Gesindel“ in das Konzentrationslager Buchenwald bringen und dort vergasen.

Vom Fetzentandler zum  internationalen Strassenzeitungs-Konzern

Danach wurde es sehr ruhig, tat sich nichts in punkto Straßenzeitung. 1989 erst wagte man in New York mit „Streetnews“ einen Neustart. Der Rockmusiker Hutchinson Persons gründete die Zeitung. 75 Cent kostete das Blatt, 45 Cent blieben der, dem VerkäuferIn. Die ersten zehn Exemplare erhielt die, der Obdachlose, sozial Schwache gratis.
Doch das Management, die Organisation war derart schlecht (trotz Unterstützung von Prominenz wie Paul Newman, Liza Minnelli), Mitte 1990 wurde  die Zeitschrift eingestellt.
Von dieser Zeitung aber wurde der Engländer John A. Bird inspiriert. Seines Zeichens Mitbegründer des Konzerns „Body Shop“. Er erkannte, dass der Schlüssel zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit darin läge, dass sich die davon Betroffenen selbst helfen sollen – Hilfe zur Selbsthilfe.
Man muss den Betroffenen dazu nur die Möglichkeit geben. So gründete er und Gordon Roddick (der sich aber „wegen unüberbrückbarer Differenzen“ wenig später von Bird und dem Unternehmen trennte) im Juni 1991, Sie ahnen es, „The Big Issue“.
Der Startschuss zu einem multinationalen Unternehmen. Anfänglich noch alle zwei Wochen erscheinend, in der Zwischenzeit schon wöchentlich, zu einem Preis von 2 Pfund. Davon bleibt der, dem VerkäuferIn die Hälfte. Allerdings wird hier wiederum die Hälfte als Rücklage zur Sicherung für die, den Betroffene/n einbehalten und angespart (zur Wohnungs-und Existenzgründung).
Von Queen Elisabeth II. geadelt, von seinen MitarbeiterInnen stark kritisiert, „wegen falscher Finanzpolitik und Ausbeutung der Belegschaft“ ruft  der Zampano 1995 „Big Issue Foundation“ und schließlich „Big Issue International“ ins Leben.
Fünf regionale Ausgaben gibt es alleine in England, bei einer wöchentlichen Auflage von 1,2 Millionen; Niederlassungen in Australien, Südafrika, Namibia, Japan, Taiwan, Korea. Redaktionell werden diese Zeitungen ausschließlich von professionellen Journalisten betreut.
Durch den „Obdachlosen-Mogul“ John Bird animiert, schossen Straßenzeitungen, insbesondere in Deutschland, förmlich aus dem Boden. 1992 Bank-Express (heute: Draussenseiter – Deutschlands älteste Straßenzeitung) 1993 in München „Biss, im gleichen Jahr „Hintz und Kunzt“ in Hamburg.
Wenig später in der Schweiz das „Surprise“, „Macadam“ in Lyon Frankreich, „Nota Bene“ in Bratislava, „Novy Prostor“ in Prag, „Terra di Mezzo“ in Italien, „The Way Home“ in Odessa Ukraine und „Put Domoy“ in  St.Petersburg Russland.

Solidarisches Verhalten und Qualität ist das Markenzeichen des UHUDLA

Sie alle anzuführen ist aus Platzgründen leider nicht möglich. Doch das Ziel aller Publikationen ist es (die übrigens alle nach dem fifty-fifty System operieren – die Hälfte des Verkaufspreises bleibt der Verkäuferin, dem Verkäufer), sozial Schwachen eine Möglichkeit zu geben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
112 Straßenzeitungen, in 40 Ländern, in 15 verschiedenen Sprachen gibt es. Weltweit leben 200 000 VerkäuferInnen von dieser Arbeit. Ca. Sechs Millionen Menschen konsumieren regelmäßig diese alternative Form des Zeitungswesens. Die Betonung liegt auf „Lesen“. Und es werden stetig mehr.  So natürlich auch in Österreich.
Die bekannteste und größte ist der „Augustin“ beheimatet in Wien; „Kupfermuckn“ in Linz; „Apropos“, früher „Asphalter“ in Salzburg; „Eibisch-Zuckerl“ in Wr.Neustadt; „Megaphon“ in Graz und last but not least in Innsbruck der „20er“.
Tja bleibt noch der UHUDLA zu erwähnen. Inhaber und Gründer Martin Wachter, der übrigens 1995 bei der Taufe des „Augustins“ maßgeblich beteiligt war, kam 1991 während eines fröhlichen Beisammenseins mit Freund­Innen im mittelburgenländischen Unterloisdorf auf die Idee, diese Zeitung zu gründen. Zwei Monate bevor „Big Issue“ das Licht der Medienwelt erblickte. So gesehen wären wir, könnten wir sagen – egal – das wäre Haarspalterei. Der UHUDLA ist so, wie er ist und er wird’s auch bleiben.
In jüngster Vergangenheit mehren sich allerdings europaweit die Beschwerden, dass durch aggressives Verkaufsverhalten, das in vielen Ländern sanktionierte Bettelverbot umgangen werde. Nach dem Motto: „Man nehme ein oder zwei Exemplare einer x-beliebigen Zeitung, begebe sich auf Betteltour, werde reich – und liefert das „Erschnorrte“ an seinen „Gruppenleiter“ (oder wem auch immer) ab.
Zugegeben die Armut in Europa, und auch in Österreich, wird immer größer. Der Gürtel wird allerorts enger geschnallt. Dennoch oder gerade deshalb sollte man in den Vertrieben, den Redaktionen, der Organisation der Strassenzeitungen, der Kontrolle der StraßenverkäuferInnen ein noch größeres Augenmerk schenken. Denn solidarisches Verhalten und Qualität steht immer noch vor Quantität. Das, zumindest wird vom Redaktionsteam und den VerkäuferInnen des UHUDLA in den Vordergrund gestellt. Die älteste und rebellischste Strassenzeitung Österreichs bleibt auch in Zukunft: Unabhängig, Heiß, Urig, Demokratisch, Landläufig, Außergewöhnlich.

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