Wo der Hund begraben liegt

Lutz
© Franz HAUSNER

Das Gespenst der Armut ist als Buch erschienen ■ Der UHUDLA  Redaktionschef Lutz Holzinger hat in der Edition Steinbauer „Das Gespenst der Armut – Reportagen und Analysen zur Kritik der sozialen Vernunft“ veröffentlicht.
An dieser Stelle ein Interview mit dem UHUDLA Chefredakteur in welchen nicht er die Fragen stellte, sondern selbige beantwortet. Ein Gespräch über die Erkenntnisse, die Lutz Holzinger aus den Recherchen für das Buch „Das Gespenst der Armut” gezogen hat.
Dieses Gespräch wurde in der UHUDLA Ausgabe 93/2010

Wie bist du auf die Idee gekommen, dieses Buch zu schreiben?
Holzinger: Schuld daran ist die Edition Steinbauer. Reingard Steinbauer-Grübel und Herbert Steinbauer fanden die Zeit sei reif für ein Buch zu diesem Thema. Sie fragten mich im März  2009, ob ich mich für das Projekt interessiere. Nachdem mir eine Methode eingefallen ist, mich dem Thema zu nähern, sagte ich zu.

Welche Methode war das?
Holzinger: Für mich lag auf der Hand, dass bei rund einer Million Menschen in unserem Land, die manifest arm sind oder an der Armutsgrenze leben, der Kreis der Armen sich nicht auf BettlerInnen, Obdachlose und Suchtkranke beschränken kann. Mir ging es darum, die Normalität der Armut darzustellen und sichtbar zu machen. Als Methode bot sich die teilnehmende Beobachtung von Klientengesprächen in diversen Institutionen.

Wie bist du dabei vorgegangen?
Holzinger: Zunächst kontaktierte ich Hilfsorganisationen von Caritas über Volkshilfe und Wiener Schuldnerberatung bis zur Wiener Tafel, um auszuloten, ob eine Bereitschaft besteht, mich ihren SozialberaterInnen über die Schulter schauen zu lassen.

„Es gibt Armutsfallen wie die Verschuldung über beide Ohren, wenn Kredite, Leasingraten, Handygebühren, Mieten, nicht mehr gezahlt werden können”

Da das durchwegs der Fall war, vereinbarte ich mit den KollegInnen, die zur Zusammenarbeit bereit waren, entsprechende Termine. Nach der – meist bereitwilligen – Zustimmung der KlientInnen nahm ich als stummer Beobachter an den Beratungsgesprächen teil. Offene Fragen versuchte ich im Nachhinein mit den SozialarbeiterInnen zu klären.

Was hast du dabei herausbekommen?
Holzinger: Meine Verblüffung war groß über die breite Streuung von Armut heute. Nahezu sämtliche Gesellschaftsschichten werden mittlerweile von ihr erfasst, wenn mehrere Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Trennung, Wohnungsverlust oder Krankheit zusammentreffen. Daneben gibt es spezifische Armutsfallen wie die Verschuldung über beide Ohren, wenn Kredite, Leasingraten, Handygebühren, Mieten, nicht mehr gezahlt werden können.
Das passiert oft, wenn Paare sich trennen und der gemeinsame Haushalt aufgelöst werden muss. Verschuldung kommt häufig zustande, weil die Banken scheinbar großzügige Kontoüberziehungsrahmen einräumen. Bei voller Ausnutzung dieser Möglichkeit fressen die überhöhten Zinsen rasch einen Löwenanteil niedriger Einkommen auf.

Welche sonstigen Recherchen hast Du vorgenommen?
Holzinger: Neben Expertengesprächen habe ich mir angesehen, wie Arbeitslosengeld, Notstands- und Sozialhilfe funktionieren bzw. wie die dazu gehörigen Institutionen arbeiten. Darüber hinaus hatte ich Glück. Unmittelbar nach der Aufnahme meiner Recherchen ist das „Handbuch Armut in Österreich“, ein über 700 Seiten starker, von Experten verfasster Wälzer erschienen, in dem sämtliche Erkenntnisse der heimischen Armutsforschung zusammengefasst sind.

Welche Erkenntnisse hast du daraus geschöpft?
Holzinger: Absolut neu war für mich, dass im Gegensatz zur niedrigen Zahl von „Sozialschmarotzern“, die auf bloß 1 bis 2 Prozent geschätzt werden, aber trotzdem im Brennpunkt des Interesses der Boulevardpresse stehen, der Anteil der Nicht-Inanspruchnahme von Sozialhilfe enorm hoch ist. Der Satz dieser „Non-Take-Up“ wird in Österreich auf 45 bis 62 Prozent geschätzt.

Im Untertitel deines Buches kommt der Begriff „Kritik der sozialen Vernunft“ vor. Was sprichst du damit an?
Holzinger: Die Quintessenz meiner Recherchen und Überlegungen besteht darin, dass der Sozialstaat bei weiten nicht hält, was er verspricht. Landläufige Erwartungen, wie massiver Schutz vor dem Absinken in Armut, werden nicht erfüllt. Der Sozial- und Wohlfahrtsstaat erweist sich vielmehr als  Schönwettersystem, das im Fall der Inanspruchnahme ernorme Löcher aufweist.
Sämtliche Unterstützungen, die wie die Sozialhilfe nicht auf dem Prinzip der ASVG-Versicherung beruhen, liegen deutlich unter der Armutsschwelle. Arbeitslosengeldbezieher mit Durchschnittseinkommen fallen aufgrund der niedrigen Ersatzrate von 55 Prozent ebenfalls unter diesen Wert von heuer knapp 950 Euro im Monat.
Ganz zu schweigen von dem elend niedrigen Niveau der Pensionen vor allem für Frauen, das darauf beruht, dass die Ausgleichszulage ebenfalls unter der Armutsgrenze liegt.

Warum der Titel „Gespenst der Armut“, der an den Beginn des Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels erinnert?
Holzinger: Die Entwicklung der Gesellschaft ist in eine kritische Lage geraten, weil die herrschende Klasse die Verarmung und Verelendung immer breiterer Schichten in den OECD-Ländern aktiv herbeiführt. Das geht klar daraus hervor, wie die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums sich in den letzten beiden Jahrzehnten entwickelt hat.
Die Lohnquote, die den Anteil der Werktätigen am Volkseinkommen angibt, ist seit 1995, dem Jahr des EU-Beitritts von Österreich, von 62 auf 55 Prozent gesunken; der Anteil der Gewinneinkommen hingegen von 38 auf 45 Prozent gestiegen. Ferner hat die Polarisierung zwischen SpitzenverdienerInnen und NiedriglöhnerInnen unter den unselbständig Erwerbstätigen weiter zugenommen.

„ Per Kollektivvertrag oder mit  Gesetz sollten Mindestlöhne festgelegt werden, die der Forderung  entsprechen, dass sich die Arbeit wieder lohnen muss”

Motor dieser Entwicklung war die Flexibilisierung der Rahmenbedingungen der Arbeit. Mit Schuld an dieser Misere sind die Gewerkschaften, weil sie sich auf die Wünsche der Unternehmer eingelassen haben, statt für die Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich zu kämpfen. Das Ergebnis der Entwicklung besteht in einer immer größeren Zahl von prekär Beschäftigten in Teilzeitjobs, als neue Selbständige, Ich-AGs usw.
Wenn sie gekündigt werden oder keine Aufträge erhalten, tendieren ihre Ansprüche auf Unterstützung gegen Null. Derartige Beschäftigungsverhältnisse sind längst im Zentrum der Gesellschaft angelangt. Berufsgruppen wie JournalistenInnen, WissenschaftlerInnen, IT-DienstleisterInnen, die zum Kern einer „Wissensgesellschaft“ gehören, arbeiten mittlerweile zu einem großen Teil unter derartigen  Bedingungen.
Seit in Europa mit dem Untergang des „Sozialismus” kein alternatives Gesellschaftsmodell mehr existiert, geht es deutlich bergab. Leider ist es jedoch zu früh, um „Gute Nacht Kapitalismus!“ zu sagen.

Was ist zu tun?
Holzinger: Dass das bedarfsorientierte Mindesteinkommen als Ersatz für die Sozialhilfe keine echten Fortschritte bringt, erscheint ein Schritt weiter zum von immer breiteren politischen Kreisen geforderten bedingungslosen Grundeinkommen fällig.
Gleichzeitig müssten per Kollektivvertrag oder Gesetz Mindestlöhne festgelegt werden, die der Forderung entsprechen, dass Arbeit sich wieder lohnen muss!

Der Tanz auf dem Vulkan

Gelernt ist gelernt. Diese alte Volksweisheit wird beim Lesen des Buches „Das Gespenst der Armut” untermauert. Lutz Holzinger, Journalist und UHUDLA Chefredakteur, hat seine jahrzehntelange Brotberufserfahrung ausgeschöpft und in einem vom Anfang bis zum Ende spannenden Text zu Papier gebracht.
„Das Gespenst der Armut” beinhaltet Reportagen und Analysen über die Menschen, die tagtäglich ums Überleben kämpfen müssen. Tiefe Einblicke über die harte und mühsame Arbeit, der im Sozialbereich beschäftigten Berater- und Betreuer­Innen werden freihaus mitgeliefert. Ob es sich um die im verborgenen oder nach aussen sichtbaren Armutsmerkmale und Ursachen handelt, Lutz Holzinger fördert alles ans Tageslicht.
Holzingers Parteilichkeit für die Schwachen und Ausgegrenzten unserer Gesellschaft ist ein dickes Plus. Sein fortschrittliches Bewußtsein ermöglicht es ihm, die herrschende Politik und deren fahrlässigen Umgang mit der Armut zu entlarven. Bezüglich Armut hat der Tanz auf dem Vulkan erst begonnen.
Im Zuge der gegenwärtigen globalen Krise ist eine Änderung des Zeitgeists möglich. Dann könnte ein Zitat aus Holzingers Buch „…werden die Rebellinen und Rebellen wiederArmut auf der Bühne erscheinen…“ Wirklichkeit werden.
max

Lutz Holzinger,  
Das Gespenst der Armut
Reportagen und Analysen zur
Kritik der sozialen Vernunft
Beiträge von Hansjörg Schlechter
Edition Steinbauer
ISBN: 978-3-902494-40-5
168 Seiten

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