Eistanz der Platzhirsche

Schulz

Eishockey-Spitze ■ Der Eishockeymeister Vienna Capitals startete mit 25 Siegen in Folge über die Meistersaison hinaus. Der UHUDLA war beim Training.
Von Karl Weidinger
Früher trugen die Spielorte Namen wie Hanappi-, Happel-, Dusika- und Franz-Horr-Stadion. Heute diktiert das Geld: Allianz und Generali Arena heißen die neuen Spielstätten. Die Albert-Schultz-Halle ist da noch vom alten Schlag. Aber Albert Schultz, wer war das nochmal?.

Benannt nach dem Bezirksvorsteher der Donaustadt von 1981 bis 1993 wurde die Arena um 1990 errichtet und von der MA 51 betreut. Seit 1. Mai 2009 pachten und betreiben die Vienna Capitals die Halle mit 7.022 Sitzplätzen.

Außen prangt ein riesiges Poster über 32 Glasfassaden-Elementen (8×4 Felder) mit einem Spieler namens Ofner (Nummer 47), den keiner mehr kennt. Harald Ofner spielte 110mal in 3 Saisonen für die Caps von 2009 bis 2011, ehe er nur mehr Kiberer wurde.

Ballern im Stakkato aufs Tor, kreiseln in schnell wechselnden Formationen

Trainingstag im Eissportzentrum Kagran. Kampf ums Niveau – im wörtlichen Sinn. Stiegen ohne Ende, Niveauunterschiede auf allen Ebenen. Stufen und Abstufungen, barrierefrei ist hier kaum etwas. Das Training ist öffentlich und eintrittsfrei. Alle 4 Linien trainieren Abläufe. Die gelben Shirts separieren die Verteidiger von den schwarzen Trikots der Stürmer.

Alle ballern im Stakkato aufs Tor, kreiseln in schnell wechselnden Formationen. Der Trainer steht zwischen zwei Mini-Pyramiden, die diesen Bereich als Tabuzone markieren. Er beobachtet, lobt und tadelt einzeln. Sein Übungsleiter an der Flanke dirigiert die Einheiten. In Strategiepausen sammelt er die abgewehrten Pucks ein und befördert sie dorthin, wo sie für die nächste Serie gebraucht werden.
Die Dienstwohnungen liegen gleich hinter der Anlage. Die Spieler kommen zu Fuß an ihren Arbeitsplatz. Und in der Halle grüßen sich alle beim Training. Das wirkt sehr familiär.

Die “Platzhirsche” laufen als UPC Vienna Capitals aufs Eis. Der Verein wurde zum Millennium 2000 gegründet. 2005 gewannen sie gegen den Rekordmeister KAC aus Klagenfurt den ersten Meistertitel. In der Vorsaison gab es Punkterekord und die Kagraner wurden zum 2. Mal Meister. Läuft also bei den “Caps”. Eine erfolgreiche Saison, soweit die Schlittschuhe getragen haben.
Drei kräfteraubende Spieltage pro Spielwoche (dienstags, freitags, sonntags) dazu elendslange Fahrten mit dem Nightliner-Autobus. Die höchste Spielklasse, die Erste Bank Eishockeyliga, umfasst 12 Teams aus 6 Ländern: Österreich, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Italien und Kroatien wieder dabei.

Fallen lassen, Fouls vortäuschen wäre gegen die harte Männerehre

Die Albert-Schultzhalle ist mehr als nur das Eissportzentrum Kagran. Rekordbesuch gab es ausgerechnet in der eishockeyfreien Zeit – so wie auch 2018 die Superbowl-Party in der Halle steigt.

Einer neuen Zielgruppe bekannt wurde die Halle, als der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan an einem Donnerstag im Juni 2014 vor etwa 13.000 Fans vor und in der Albert-Schultz-Halle einen Auftritt hatte, um Landsleute für seine anstehende Präsidentenwahl in der Türkei zu mobilisieren. Türken sind beim Eishockey noch Exoten – im Gegensatz zu den sogenannten “Secondos”, der zweiten Generation im Fußball. Also garantiert nix für Weicheier.

Büne Huber, ein Schweizer Rocker, brachte es diesbezüglich auf den Punkt: „Ich habe die Schnauze voll von Fußballern, ich habe die Schnauze voll von tätowierten Unterarmen, von diesen Pussys, die sich im Strafraum immer fallen lassen.“ Das passiert beim Eishockey garantiert nicht. Fallen lassen, Fouls vortäuschen wäre gegen die harte Männerehre.

In der Halle nur Männer beim Training. Die Legende vom Testosteron, ein Mythos? In der ersten Meistersaison gingen die ersten 6 Begegnungen jeweils für die Heimmannschaft verloren. Es siegte immer das Auswärtsteam. Beweis oder Gegenbeweis, Ausnahme der Regel? Eins ist sicher: Fans und Fankultur haben sich in letzter Zeit deutlich gebessert. Mit oder ohne Überschuss an Männlichkeit.
Eine Eishockeysaison hat durchaus Ähnlichkeiten mit einem Schuljahr. Es beginnt im Spätsommer und endet, je nach Erfolg früher oder später, im Frühjahr. Der Vergleich ist nicht abwegig. Die Albert-Schultzhalle ist seit 2015 auch Sitz der Nachwuchsakademie, dem vereinseigenen Schulungsbetrieb. Nicht nur Tor-, auch Schulabschlüsse sind hier gefragt. Pflichtschule, Handelsschule und Matura werden neben dem Training für die U16, U18 und U20 Bundesliga gepaukt.

Die Akademie liegt im Seitentrakt unter den Tribünen. Das altersgerechte Schul- und Sportprogramm umfasst drei Schulklassen. Jeder Schüler muss seine Prüfungen vor der Externisten-Kommission ablegen. „Wichtig ist, dass nicht nur auf den Sport geschaut wird. Denn nicht jeder Spieler schafft den Sprung zum Profi“, sagt Christian Dolezal, der das volle Programm von Kindesbeinen an durchlief, und nun für die Nachwuchsarbeit verantwortlich ist. 2005 war er auch schon Meister und begann nach seiner Aktivzeit als Spartentrainer. Seit 1. August 2017 zeichnet Ex-Caps-Verteidiger Peter Schweda für die 27 Rookies in der Nachwuchs-Akademie verantwortlich.

Aus Sicherheitsgründen tragen Käfigspieler eine vergitterte Maske

Der brennende Puck, das knallgelb-orange Logo, ist allgegenwärtig. Auf den Dressen, auf den Türen, an der Bande, an den Glasscheiben. Die weitläufigen Katakomben im Keller beherbergen die Fitnessräume für die Ertüchtigung, abseits des Spieles. Gleich neben der Eisfläche in der Haupthalle geht es in die beiden Kabinentrakte. Nur eine von den 8 Garderoben ist tabu – jene der Platzhirsche, der Caps-Kampfmannschaft.

Es gibt auch etliche Drop-outs, also Ausfälle nach Verletzungen, mitsamt sozialem Abstieg nach dem Verlust der finanziellen Unterstützung. Die Nachfrage nach den Plätzen in der Akademie ist hoch. Zuerst muss beim Sichtungstraining überzeugt werden. Das sind die sogenannten Käfigspieler, die eine vergitterte Maske im Gesicht tragen müssen, aus Sicherheitsgründen.

Und was ist für einen Rookie, den Nachwuchscrack, am wichtigsten, mit dem Erreichen des 18. Lebensjahres? Dass er den „Käfig“, den vollständigen Gesichtsschutz hinter Gittern, ablegen kann, erstens. Und zweitens, dass er anfangen kann, sich die Unterarme tätowieren zu lassen. Mit dem Vereinsnamen?

Die Namen der Eishockeyteams, auch eine Geschichte für sich. Die Adler (gleich 2x), die Haie, die Füchse und die roten Bullen. Die Vienna Capitals stechen als „Wiener Hauptstädter“ aus dem Reigen von Tiernamen. Wie bei den „Säbelzahntigerinnen“ in der Fraueneishockeyliga haben die meisten Begriffe ihren Ursprung in der amerikanischen Eishockey-Tradition.

Apropos Tradition: Früher gab es mehr Derbys, also direkte Duelle um die Vorherrschaft in Wien: WEV gegen Stadlau stand für Rivalität auf unterster Ebene, Bauchstich inklusive. Im damaligen Rockermilieu waren Körperverletzungen bei Spielen an der Tagesordnung. Vor Jahrzehnten gab es durchaus ein Gewaltproblem rund ums Eis.
Der Kampf ums Niveau war die Folge dieser Ausschreitungen: Fankultur versus Hooliganismus. Dieser Gegensatz ist unausrottbar wie das Begriffspaar Feuer und Eis. Denn Eishockey boomt, nicht nur in Kagran. Exakt 145.866 Zuschauer kamen in der abgelaufenen Saison in die Schultz-Halle. Nur zwei Fußballvereine, Rapid und Sturm Graz, verkauften mehr Eintrittskarten.

Leserbrief:
Nach der löblichen Berichterstattung zu den Kagranern Eishacklern, wo der UHUDLA beim Training vorbeigeschaut hat, zeigen sich die ersten Auswirkungen.

Statt Albert-Schultzhalle heißt der schiache Kobel seit der letzten Saison „Erste Bank Arena“, wie in eurer Story vorausgeahnt. Auch der großformatige Spieler „Ofner 49“, den heute niemand mehr kennt und der jetzt nur mehr a Kieberer ist, der auf der Außenhaut zu sehen war, ist seit heuer verschwunden. Übrigens: Der Meisterpokal ging nach Südtirol. Die Donaustädter Caps sind im Semifinale gegen den späteren Sieger, die Bozener, ausgeschieden.

A. Kagrana

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