Rückblick: Oscar Niemeyer zu seinem 100. Geburtstag

Wenige Tage vor seinem 105. Geburtstag ist am gestrigen Mittwoch um 21.50 Uhr Ortszeit im brasilianischen Rio de Janeiro der weltberühmte Architekt und Kommunist Oscar Niemeyer verstorben. In Erinnerung an den Konstrukteur des UNO- Hauptquartiers in New York bringen wir einen UHUDLA-Beitrag aus dem Jahre 2008 © UHUDLA Ausgabe 86. 2008

NiemeyerOscar Niemeyer zu seinem 100. Geburtstag

…alt werden ist Scheiße

Der 100 Jahre alt gewordene Oscar Niemeyer, Stararchitekt, Weltverbesserer und Kommunist gilt auch als der „Herr der Kurven“. Er ist nach 70 Arbeitsjahren und mehr als 600 realisierten Projekten immer noch voller Tatendrang und entwirft ständig neue Pläne. „Das wird das wichtigste Werk meines Lebens“, sagte Niemeyer, als 2007 sein Projekt für das größte Kulturzentrum Spaniens in Aviles grünes Licht bekam.

Oscar Niemeyer, einer der Wegbereiter der modernen Architektur ist 100 Jahre alt geworden. Am bekanntesten sind seine Entwürfe für den Bau der brasilianischen Hauptstadt Brasília zwischen 1957 und 1964. Alle öffentlichen Gebäude in der auf dem Reißbrett geplanten Stadt stammen aus seiner Hand.

Der damalige linksgerichtete Staatspräsident Juscelino Kubitschek, hat seinem Freund und Kommunisten Oscar Niemeyer mit der Planung der Retortenstadt Brasilia beauftragt. In Brasilien der damaligen Zeit sollte eine „klassenlose”, soziale- und solidarische Gesellschaft inmitten des Amazoansstaates aus dem Boden des Urwald gestampft werden. Zumindest bei dem Bau der späteren Millionenmetropole hat das geklappt. Bauarbeiter, Ingenieure und Architekten waren in denselben Kneipen anzutreffen.

„Damals schien es, als wäre eine neue Gesellschaft ohne die alten gesellschaftlichen Schranken geboren. Es hat nicht funktioniert“, sagt Niemeyer heute. Die Stadt sei zu groß und werde von Bauunternehmern beherrscht.

Oscar Niemeyers Wunsch nach einer Durchmischung der Bevölkerungsschichten hat sich nicht erfüllt. Die brasilianische Hauptstadt ist Mittelstands-Paradies. Die Armen wurden in die Vororte gedrängt. „Brasilia gehört gestoppt“, lautet der radikale Vorschlag des Architekten.

Niemeyer ist nicht nur ein Mann der großen Bauten, sondern auch der großen Worte. „Der Kunde interessiert mich einen Dreck“, „Arbeiten hält jung“, und „Älterwerden ist Scheiße“, und der „100. Geburtstag bedeutet nichts“, sind einige Sager des Konstrukteurs des UNO- Hauptquartiers in New York.

„Ich habe zu wenig in meinem Leben gemacht. Das Leben ist zu kurz, nur ein Hauch.“ Oscar Niemeyer fühlt sich nach eigenen Angaben heute nicht älter als 60. Er könne praktisch alles machen. Seine Lebensweisheit ist immer noch Bescheidenheit und Toleranz.

(Artikel als pdf)

In Frieden mit dem Leben
Tranquilo com a vida

Oscar Niemeyer 1907-2012, der Jahrhundert-Architekt und Fürsprecher der Armen, der Zeit seines Lebens seiner politischen Überzeugung treu blieb – Oscar Niemeyer war überzeugter Kommunist – ist tot. Er starb im Alter von 104 Jahren in Rio de Janeiro, seiner Heimatstadt.
1928 begann er sein Architektur- Studium an der Escola Nacional de Belas Artes in Rio, beendete es 1934 mit Erfolg. Durch die Zusammenarbeit mit den Architekten Lucio Costa und Le Corbusier  erlangte er rasch einen Namen in der Welt der Architekten, „die für eine schöne bessere Welt kämpfen sollen“, so Niemeyer.
1947 – 1953 war er im Auftrag seines Vorbildes Le Corbusier im Planungsgremium des UNO-Hauptquartiers in New York. Seinen absoluten Durchbruch und die Anerkennung als Star-Architekt erreichte er aber 1954 -1967 durch die Planung und Mitgestaltung der brasilianischen Hauptstadt Brasilia (Seit 1987 UNESCO Weltkulturerbe).

Ganz große Baukunst mit geschwungenen, futuristisch anmutenden Linien und Formen

„Wenn ich gewusst hätte, dass Brasilia nichts anderes wird als ein Domizil für Reiche und den Verwaltungsapparat, hätte ich keine Skizze dafür verwendet“, soll Niemeyer traurig aber sehr bestimmt gesagt haben.
Während der Militärdiktatur in Brasilien wurde er mit Berufsverbot belegt, lebte in Paris im Exil, „eroberte“ so architektonisch Europa  (Interbau-Wohnhochaus-Hansastadt Berlin; PCB-Hauptsitz der französischen  kommunistischen Partei Paris; Verlagsgebäude Mondadori in Mailand), um 1982 wieder nach Brasilien zurückzukehren.
Unzählige Bauten tragen seine Handschrift. Der Mann, der geschwungenen, futuristisch anmutenden Linien und Formen, die der Schwerkraft zu trotzen scheinen, fand Müßiggang als eines der schlimmsten Laster. Bis zuletzt traf man ihn in seinem Büro an der Copacabana.
Noch im hohen Alter wechselte er („aus Spaß, nichts Ernstes“) das Genre und wurde Komponist.  „Tranquilo com a vida“, sein Samba handelt von einer Favela (Armensiedlung). Text und weite Teile der Musik stammen von ihm. „In Frieden mit dem Leben“ – Für eine bessere Welt“. Obrigado-Danke Oscar Niemeyer!

Walter Lohmeyer

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