Roboter aus Fleisch und Blut

RoboterPortugiesische Verhältnisse

Zwei Jobs und kein Geld – Um mit dem Mindestlohn von 475 Euro überleben zu können, muss der Portugiese Luis wohl ein Überlebenskünstler sein. Oder er arbeitet 70 Stunden pro Woche, um sich das Leben leisten zu können. Sein Wohnzimmer ist das Einkaufszentrum. Nach Hause kommt der Kellner wegen seiner zwei Arbeitsstellen ohnedies nur selten.

Von Georg Partoloth, erschienen in der UHUDLA Ausgabe 97/2012

Der Fastfood Kellner Luís steht da, hinter der Glaswand, und lächelt. Etwas gestressten Schrittes eilt er zum Verkaufspult. „Se faz favor?“ – „Sie wünschen?“ Lediglich an seinen Augen ist zu erkennen, dass Luís lieber im Bett oder am Strand liegen würde, als den Leuten ihre Speisen zu servieren. Luís braucht das Geld. Und dafür verzichtet er auf Familie, Hobbies und Schlaf.

Geld macht nicht glücklich, besonders dann nicht, wenn man keins hat

Vom Glück scheint Luís nicht übersät worden zu sein. Vielleicht, weil er im falschen Land geboren wurde? Vielleicht, weil … Luís hat gar keine Zeit, um darüber nachzudenken. In seinen großen Händen hält er sechs saftige Orangen, die er vom Lager in die schmale Küche trägt. Er arbeitet in einem Schaufenster, oder zumindest scheint es so.
Die Küche ist lediglich mit einer Glaswand vom ebenfalls schmalen, aber gut ausgeleuchteten Verkaufsraum abgetrennt. Von den kleinen Tischen der „Fressmeile“ im zweiten Stock eines Einkaufscenters können die Gasthaus Besucher jeden Schritt und jeden Schnitt von Luís genau beobachten. Jetzt halbiert er die Orangen, um sie anschließend auszupressen.
Frisch gepresster Orangensaft ist schließlich das Non-Plus-Ultra des Franchise-Unternehmens in einer algarvinischen Kleinstadt. Dort arbeitet Luís 40 Stunden pro Woche. Auf der Speisekarte, die an der Wand hängt, werden Salat- und Nudelbausätze angeboten. Das System ist einfach: Man suche sich vier Zutaten, natürlich gesunde, aus, diese werden zum Salat oder zu den Nudeln gemischt und fertig ist das Mittagessen.
Doch dafür ist es noch zu früh. Gott sei Dank. Denn Luís und seine beiden Kolleginnen haben mit den Vorbereitungen für den Ansturm der hungrigen Mittagsgäste alle Hände voll zu tun.
Bekleidet sind sie mit weißen T-Shirts, einer Schürze und noch zusätzlich einer Plastikschürze darüber, damit Obst und Gemüse auch sicher keine Flecken machen. „Empregado precisa-se“ steht auf einem A4-Zettel in schwarzen Lettern geschrieben. Ein zusätzlicher Mitarbeiter wird gesucht, damit der Stress etwas nachlässt. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit in Portugal wirft sich die Frage auf, warum dieser Zettel schon seit Wochen dort hängt und sich noch niemand für das Arbeitsangebot gemeldet hat. Vielleicht wegen der geringen Bezahlung? Die Frage bleibt unbeantwortet.
Luís vergisst die zahlreichen Kunden, die an den Tischen Zeitung lesen oder plaudern und ihn beobachten oder zumindest beobachten könnten. Vertieft in das Schneiden der Karotten pfeift er vor sich hin. Sein Pfeifen ist für die Gäste vor der Glaswand ohnehin nicht zu hören. Alle 30 Sekunden lugt er mit seinen rehbraunen Augen ganz kurz zur Theke.
Ein Kunde steht genau vor dem Tresen. Luís lässt das Messer fallen, wäscht sich schnell die Hände und geht mit großen Schritten in den Verkaufsraum. Er verkauft einen Kaffee. Ob sich dafür die Unterbrechung der Vorbereitungsarbeiten überhaupt auszahlt? 70 Cent kommen damit in die Kasse, Trinkgeld gibt es keines. Für ein Gespräch kann Luís seine Arbeit nicht unterbrechen, nicht einmal für ein kurzes. Er deutet auf die beiden Kameras, die genau auf den Verkaufsraum und somit auf ihn gerichtet sind. Personal-Überwachungskameras in den Gastronomiebetrieben an der Algarve im Süden Portugals sind die Regel und keinesfalls die Ausnahme.
Der 43-Jährige muss sich wie im RTL Big-Brother-Käfig fühlen, denn immerhin ist das Einkaufszentrum so etwas wie sein Wohnzimmer. 70 Stunden pro Woche verbringt er darin. Wenn er nicht gerade für das eine Franchise-Unternehmen arbeitet, steht er bei einem weiteren hinter dem Tresen.
Im Einkaufscenter befindet sich diese Burger-Bude Wand an Wand mit dem zweiten Laden. Luís geht also bei der einen Tür raus und der anderen wieder rein, und schon ist er bei seiner zweiten Arbeitsstelle. Der Unterschied ist, dass er bei der einen gesundes Essen und bei der anderen Burger verkauft.

Ohne zwei Jobs ist kein anständiges Leben möglich

Wie viel verdient Luis mit zwei Jobs oder insgesamt 70 Wochenstunden? ,,Exakt 876 Euro“, verrät der Kellner, kurz und ohne Umschweifung, um keine Zeit zu verlieren. Zeit hat er außerhalb seiner Arbeit ohnehin keine: ,,Ich verbringe den ganzen Tag mit der Arbeit, danach denke ich nur mehr ans Ausruhen. Da bleibt keine Zeit mehr für meine Freunde. Alle, die nicht zwei Jobs haben, möchten einen weiteren arrangieren. Immer aus demselben Grund: um mehr Geld zu bekommen. Deshalb denken meine Freunde, dass es gut ist, dass ich so viel arbeite“, sagt Luís.
Jeweils 22 Urlaubstage im Jahr kann er konsumieren, nicht immer bei beiden Jobs gleichzeitig. Doch er kann es sich unter keinen Umständen vorstellen, eine der beiden Arbeitsstellen aufzugeben, denn dann könnte er sich sein Leben nicht mehr leisten. ,,Ein Gehalt reicht nicht, um meine Rechnungen zu bezahlen“, sagt der 43-Jährige. …
Seit Jänner dieses Jahres hat Luis noch ein Problem mehr. Vier Feiertage wurden ersatzlos aus dem Jahresarbeitskalender gestrichen. Hat die Firma an einem oder mehreren dieser Tage geschlossen, verlieren die Werktätigen einen oder mehrere der 22 Tage ihres Urlaubsanspruchs.
Wer in Portugal ein Jahr ohne Krankenstand und ohne Fehlzeiten gearbeitet hat bekam bis Dezember 2011 immerhin drei zusätzliche Urlaubstage. Das war einmal, wurde im „regierungsmäßigen” Sparwahn ersatzlos gestrichen.
Wer als Staatsdiener oder Pensionist zwischen 500 und 1 000 Euro im Monat verdient, verliert den 14. Monatgehalt und bei über 1 000 Euro Monatsbezug sind der 13. und 14. Gehalt weg.
Regierungsvertreter, Industrielle und Firmenleiter jubeln über weitere Vereinbarungen im neuen Arbeitsrecht. Der ausgehandelte ,,Kompromiss für Wachstum, Arbeit und Konkurrenzfähigkeit“ ist so ziemlich das Gegenteil seiner Bedeutung. Lohndumping, Sozialabbau und Arbeitslosigkeit werden Tür und Tor geöffnet. Überstundenzuschüsse wurden quasi um die Hälfte gekürzt, falls über die unten beschriebene ,,Zeitbank“ überhaupt welche anfallen. Den Firmen- und Konzernleitungen wurde faktisch die alleinige Lizenz zum Feuern und Anheuern erteilt. Kündigungsschutz war gestern.
Die Gewerkschaftsvertretungen wurden de facto entmachtet und vor das Werkstor verbannt. Arbeitszeitregelungen werden von Firmenleitung und den Beschäftigten individuell geregelt. Nur der oder die Beschäftigte vereinbaren eine ,,Zeitbank“ übers ganze Jahr, ohne Tarifverhandlungen, ohne gewerkschaftliche Interventionsmöglichkeit oder andere außerbetriebliche Interessensvertretungen der Werktätigen.
Kurzum, Portugal wird von der rechtskonservativen Regierung kaputt gespart. Selbst der Troika aus EU Kommission, dem Internationalen Währungs Fonds und der Europäischen Zentralbank ist der radikale Sparkurs nicht ganz geheuer. Wenn Portugal kollapiert sind die vielen „Rettungs-Milliarden” in den Fluten des Atlantiks versunken.
In der Zwischenzeit haben Luís und seine Kolleginnen die Vorbereitungsarbeiten großteils abgeschlossen. Gerade rechtzeitig, denn während die Putztrupps, ganz in blau gekleidet, die Tische abräumen und säubern, kommen die ersten Hungrigen in die „Fressmeile“. Luís erklärt jedem einzelnen das Salat- und Nudelbausatzsystem.

In Portugal ist es chic, sich sonntags im Einkaufscenter zu treffen

Einzig bei den Touristen tut er sich schwer. Aber improvisieren hat er nicht zuletzt durch seine Job-Doppelbelastung gelernt. Mit den Händen zeigt er der britischen Familie, wie man sich sein Menü zusammenstellt. Vater, Mutter und die siebenjährige Tochter haben es verstanden. Sie nehmen alle drei den exakt gleich zusammengestellten Nudelteller. Ob Luís an seine letzte Nacht denkt, während er routiniert Oliven, Tomaten, Champignons und Käse zu den vorgekochten Nudeln mischt?
Die vergangene Nacht hat er nämlich auch im Shopping-Center verbracht. Doch nicht in grün und weiß, sondern mit blauem T-Shirt eine Türe weiter. Auch bei der zweiten Arbeitsstelle Luís‘ gibt es für die Kunden ähnlich schwere Entscheidungen zu treffen. Man kann nämlich auswählen, was man auf seinem Burgerfleisch haben möchte.
Damit die Auswahl nicht allzu schwer fällt, sind die Burger auf der Wand aufgezeichnet und jeder trägt einen anderen Namen. „Chips oder Erbsenreis als Beilage?“ Mit dieser Frage hat Luís in der vorigen Nacht die hungrigen Kunden konfrontiert, bis 23 Uhr. So lange hat das Shopping-Center täglich geöffnet, Wochenenden und Feiertage eingeschlossen, denn im Handel und somit auch in der Gastronomie der großen Kaufhäuser ist es ja bereits zur Normalität geworden, täglich geöffnet zu haben.
Die Kunden haben sich längst daran gewöhnt und es ist chic, sich sonntags im Einkaufscenter zu treffen. „Familienunfreundlich“ und „mitarbeiterfeindlich“ wird dies in der in Österreich immerwährenden Diskussion über die Sonntagsöffnung genannt. In Portugal redet längst schon niemand mehr darüber.
Auch für Luís ist das normal, Familie hat er keine mehr. Seine beiden Kinder sind bei seiner Ex-Frau, sehen kann er sie äußerst selten. In seiner 50-Quadratmeter-Wohnung hängen zahlreiche Bilder seiner Kinder, in allen verschiedenen Größen. Wenn er über seine Kinder redet, ist in seinem sonst lächelnden Gesicht Traurigkeit zu sehen. Sie bedeuten ihm sehr viel. Sehr, sehr viel, beteuert er.
Aber Geld spielt dennoch eine wesentlichere Rolle in Luís‘ Alltag. Damit er sich die Wohnung und das Essen überhaupt leisten kann, steht er tagtäglich Stunde um Stunde hinter dem einen Tresen, weitere Stunden hinter dem anderen und die restlichen verbringt er in seinem Bett. Und was ist für Luís wichtig? „Gesund zu sein, um zu arbeiten. Damit ich in der Lage bin, zu leben.“

Georg Partoloth

Der aus Kärnten stammende und an der Algarve als Redakteur arbeitende Autor hat den harten Überlebenskampf des Kellner in der deutschsprachigen Monatszeitung ESA (Entdecken Sie die Algarve) veröffentlicht.

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