Zu ebener Erd‘ und drunt im Keller

Ein Geheimtipp: „Zum Holunderstrauch”
Mit offenen Augen – Von Walter Lohmeyer (UHUDLA Ausgabe 102/2014)

Der „gstandene Wirt” Gerhard Müller mit Schwester Maria. Foto: Lohmeyer

Wenn man das Weinviertel in Wien finden möchte, wird man im ersten Bezirk  fündig. Nein, Sie lesen schon richtig, denn in der Schreyvogelgasse sind vielleicht die engagiertesten „Wirtsleut“ am Arbeiten, die man sich als Beislbesucher wünschen kann. „Zum Holunderstrauch“ heißt der Geheimtipp und Gerhard Müller, der Inhaber, beginnt zu erzählen:
„Wir sind ein Familienbetrieb, der bereits seit 1937 hier im Zentrum Wiens ansässig ist. Schon der Großvater legte Wert auf eine, wie man heut‘ so schön sagt, Alt-Wiener Küche, zu angenehm moderaten Preisen.“ „Auf das schauen wir auch jetzt, für das leben wir. Nur das mit dem Holunderstrauch stimmt nimmer ganz, denn die Sträucher sind leider dem Verkehrsaufkommen im Herzen Wiens zum Opfer gefallen.“

Der Großvater mus­ste 1957 noch um eine Konzessionserweiterung ansuchen, um Kaffee und Tee verkaufen zu dürfen

„Die Weine kommen direkt aus Pillichsdorf, unserer Heimat, wir führen natürlich auch (lacht mich dabei an) einen ‚Uhudler‘, der immer häufiger nachgefragt wird.“
„Die ehemalige verbotene Rabiatperle ist jetzt das Insidergetränk, quasi das Nobel-Hobel-Achterl. Das kann man schon sagen, so ist es halt mit den Verordnungen, Vorschriften und Bestimmungen. Was heute nicht standesgemäß erscheint, kann über Nacht zum ‚must have‘ werden und umgekehrt.“
„Mein Großvater musste 1957 noch um eine Konzessionserweiterung ansuchen, um Kaffee und Tee verkaufen zu dürfen. Das waren damals Rennereien und Schreibereien ‚An das gelobte Amt…‘ heute schickst eine Mail, und fertig.“
Der Familienbetrieb existiert nun doch schon sehr lange, hat man da nicht Angst, dass die nächste Generation nimmer will, andere Ziele verfolgt und das Interesse an der Gastronomie verliert, lautet die Frage:
„Die Barbara und ich erziehen die Kinder so, dass wir ihnen alle Optionen bieten, aber wenn sie sich für etwas anderes entscheiden, werden wir versuchen, sie auch dort tatkräftig zu unterstützen. Außerdem…so alt bin ich auch wieder nicht“, antwortet der Gastronom.
Gibt’s Pläne für die Zukunft?
„Pläne, mein Gott, wir wollen die Qualität weiterhin so halten (es werden nur Naturprodukte verwendet und verarbeitet, (Anm.d.Red)), vor allem aber unseren (Stamm-) Gästen eine Wohlfühloase bieten, ein Ambiente, um abschalten zu können, von der herrschenden Alltags-Hektomanie.“

Durch die Selbstbedie­nerei und das Imbiss- und Snackgehabe, glauben die Menschen, keine Zeit mehr zu haben

„Die persönliche Einbringung und die Freude am Beruf ist es, was uns ausfüllt und das spüren natürlich auch die Leut‘, die zu uns kommen. Nichts tun und nur hoffen, dass etwas geschieht, von dem halt ich nix.“
„Vaclav Havel hat einmal einen super Ausspruch getan: ‚Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.‘ Aber der (kleine) Erfolg, den wir hier erleben, wenn Menschen zufrieden unser Lokal verlassen und dann immer wieder kommen, das ist für uns Bestätigung und zugleich aber auch Aufgabe unseres Tuns.“
„Unsere Branche, die Gastronomie, erlebt derzeit eh eine bisserl, sagen wir Wandlung. Durch die Selbstbedienerei und das Imbiss- und Snackgehabe, glauben die Menschen, keine Zeit mehr zu haben, für das eigentlich wichtigste und elementarste, was uns am Leben hält: Nämlich gepflegtes Essen und gutes Trinken.“
„Und wenn man das, so wie bei uns, in einer gemütlichen Atmosphäre tun kann, dann find‘ ich das sehr in Ordnung“, plaudert der Wirt übers „Zum Holunderstrauch“ G’­schäft.
Gibt es Anekdötchen oder Anekdoten aus Deiner langjährigen Zeit als „g‘standener“ Wirt zu berichten, lautet die Abschlußfrage.
Der Gastronom Gerhard Müller schmunzelt: „Anekdoten, Lustiges, Ausgefallenes, Skurriles? Täglich erleben wir das: Zu ebener Erd‘ und drunt im Keller”.

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