Armut durch Reichtum

© Karl Berger
© Karl Berger

Gründe der kapitalistischen Dauerkrise, im System liegt der Hund … ■ Das Krisengeschehen in der globalisierten Welt ist in den letzten 15 Jahren umfassender geworden. Über die Bereiche, von denen diese Verwerfungen ausgehen, irritieren sie die Gesamtwirtschaft immer mehr. 

Die einzelnen Ereignisse wie Asien-, Südamerika-, Immobilien- und zuletzt Rohstoffkrise ziehen ständig weitere Kreise. Ihre heilsame Funktion, das offenkundig überschüssige, in spekulativer Absicht investierte Kapital zu vernichten, können sie nicht ausüben, weil auf nationaler und internationaler Ebene interveniert wird, um die damit einher gehenden Verluste zu sozialisieren. Es gehört mittlerweile zum guten Ton der Leitmedien, darauf hinzuweisen, dass in der bestehenden Gesellschaftsordnung Reichtum und Armut immer weiter auseinander klaffen. In einer Welt des Überflusses wird am laufenden Band der Hungertod von Millionen Menschen produziert.
Dieses Essay ist in der UHUDLA Ausgabe 88/2008 erschienen

Um diesen Dauerskandal wirkungsvoll bekämpfen zu können, ist es erforderlich seine Ursachen zu benennen. Will man Klarheit gewinnen, lohnt es sich, auf die Analyse des Verwertungsprozesses des Kapitals zurückzugreifen, wie sie Karl Marx vorgeführt hat. Der Hund liegt im System begraben. Um diesem Dilemma zu entkommen, müsste das auf Privateigentum und Profitmaximierung beruhende Wirtschaften überwunden werden.

Wie das Amen zum Gebet

Die Krise gehört zum Kapitalismus wie das Amen zum Gebet. Der Staat, der all das tut, was für die Systemerhaltung volkswirtschaftlich erforderlich ist, versucht für sich und gemeinsam mit Institutionen wie Nationalbanken, Internationalem Währungsfonds oder Weltbank dieser Tendenz entgegen zu wirken. Katastrophale Ereignisse wie der Schwarze Freitag im Jahr 1929 an den New Yorker Börse konnten nach dem 2. Weltkrieg verhindert werden. In periodischen Anständen kracht es jedoch gewaltig im Gebälk.
Nach Lesart der bürgerlichen Medien brechen derartige Ereignisse wie Naturkatastrophen über die Menschen herein. Niemand weiß, weshalb sie sich ereignen; niemand ahnt, wodurch sie ausgelöst wurden. Als Ausrede hat gegenwärtig der Finanzsektor herzuhalten. Die hoch konzentrierten und daher gut überschaubaren Finanzmärkte haben sich seit der Liberalisierung des Kapitalverkehrs in den 70-er Jahren explosionsartig entwickelt. Vom Gesamtumsatz des Devisenhandels würden lediglich drei Prozent genügen, um den Welthandel abzusichern. 97 Prozent dieser Geschäfte werden ausschließlich getätigt, um von kurzfristigen Kursschwankungen zu profitieren. Durch Einführung einer geringfügigen Gebühr (bei der Tobinsteuer spricht man von maximal 0,5 Prozent) könnten so unterbunden werden.
Diese Tatbestände nähren die Vermutung, dass ein von der Realwirtschaft abgekoppeltes Finanzkapital die Ursache allen Übels im gegenwärtigen Kapitalismus sei. Tatsächlich durchläuft das produktive Kapital in seinem regulären Verwertungsprozess verschiedene Stadien, zu denen die Anlage von vorübergehenden Reserven gehört. So wird der Anteil des Kapitals, der für eine funktionierende Produktion in Anlagen steckt, nicht in einem Aufwaschen reproduziert, sondern kommt ziezerlweise zum Unternehmer zurück, wie die Anlagen stückweise abgenützt werden.
Der in das Anlagekapital fließende Vorschuss, den Unternehmen leisten, um eine Produktion aufzunehmen und in Gang zu halten, wird aufgrund der steigenden technischen Anforderungen immer höher. Gleichzeitig geht der Aufwand rapid zurück, der für die Löhne und Gehälter bestimmt ist.
Die geschilderte Bewegung verurteilt das produktive Kapital zu einer vorübergehend unproduktiven Rolle. Der jeweilige Eigentümer kann diese Rücklage seiner Hausbank überlassen, bescheidene Zinsen kassieren oder selbst am Kapitalmarkt agieren. Die Banken tun das in jedem Fall auf eigene und fremde Rechnung, denn das ist ihr Geschäft und ihr Gewinn. Großkonzerne wie Siemens nehmen die Verwertung von brachliegendem Kapital selbst in die Hand. Ihnen wird nachgesagt, an der unmittelbaren Produktion immer weniger interessiert zu sein, weil die erzielbaren Gewinnmargen auf den Finanzmärkten wesentlich höher sind als in der industriellen Produktion.
Als weitere Quelle von überschüssigem Kapital in den reichen Ländern erweist sich grotesker Weise die private Altersvorsorge der Werktätigen. Pensionsfonds speziell aus den USA, die in erster Linie die Rücklagen von Unselbständigen verwalten, gehören mittlerweile zu den größten Aktienbesitzern der Welt. Sie üben einen immer größeren Einfluss auf Großkonzerne aus. Die Forderung der Fondsmanager nach steigenden Gewinnen zieht indirekt im Namen von Beschäftigten die Massenkündigung von Mitarbeitern nach sich.

Immer weiter, immer mehr

Der Zwang zum Wachstum beruht im Kapitalismus auf der Mehrwert schaffenden Eigenschaft der Ware Arbeitskraft. Sie ist verantwortlich, dass bei einem bestimmten Geldeinsatz (G), der in Produktionsmittel (Bauten, Produktionsanlagen, Rohstoffe) und lebendige Arbeit (Löhne und Gehälter) zur Produktion bestimmter Waren investiert wird, am Ende mit G´ mehr herauskommt, als aufgewendet wurde. Der dadurch produzierte Kapitalüberschuss muss immer wieder produktiv angelegt werden.
Die fortlaufende Steigerung der Produktion stößt auf Grenzen wie die beschränkte Aufnahmefähigkeit des Marktes oder den Mangel an kauffähiger Nachfrage. In den letzten beiden Jahrzehnten hat die permanente Senkung der Lohnquote eine stagnierende bis sinkende Inlandsnachfrage hervorgerufen. Wachstum basiert in Mitteleuropa vorwiegend auf Exporten vor allem in Richtung Osteuropa und Asien. Eine bestimmte Entlastung von der Überakkumulation wird durch die Öffnung zusätzlicher Verwertungsbereiche erschlossen, die bisher von der öffentlichen Hand bedient wurden.
Beispiele sind die Privatisierungen, mit denen der Neoliberalismus Ende der 70-er Anfang der 80-er Jahre in Europa eingeläutet wurde oder die Übernahme von Dienstleistungen wie Müllabfuhr, Wasserversorgung und Spitäler durch Privatunternehmen, die früher den Kommunen vorbehalten waren.
Kapitalistische Produktion stillt nicht nur vorhandene Bedürfnisse, sondern bringt unter Nutzung von Forschung & Entwicklung neue Bedürfnisse hervor. Die Elektro- und Elektronikindustrie hat mit Bestsellern wie TV, PC oder Handy Produkte kreiert, die den Bedarf nach ihnen erst selbst geschaffen haben. Ihr rascher „moralischer“ Verschleiß zur Absatzsteigerung wird dadurch erzielt, dass diese Waren ständig neu inszeniert und als Neuheiten auf den Markt geworfen werden, was vorhandene Produkte derselben Art alt aussehen lässt.
In der Computerbranche geht man davon aus, dass der Anteil des Kapitaleinsatzes, der für lebendige Arbeitskraft aufgewendet werden muss, derzeit nur rund 5 Prozent beträgt. Deshalb wandert die PC- Produktion für spezielle Einsatzzwecke neuerdings aus den Schwellenländern wieder zurück in die Konzernzentralen.
Für die Autoindustrie ist typisch, dass für Fahrzeugmodelle, die stark gefragt sind, nicht genügend Produktionskapazität zur Verfügung steht. Den Kunden werden enorme Wartezeiten zugemutet. Gleichzeitig werden Modelle, die weniger marktgängig sind, auf Verdacht produziert und landen auf Halden, sofern sie den Händlern der jeweilige Marke von der Herstellern nicht auf die Höfe gedrückt werden. Die mangelnde Planbarkeit der Produktion im Kapitalismus fordert gewaltige Opfer.
Die fortgesetzte Verwertung des ständig sich vermehrenden Kapitals stößt in jedem Wirtschaftszweig bzw. Produktionsbereich auf die Grenzen des Markts. Die Erschließung neuer Märkte ist ebenfalls nur beschränkt möglich, obwohl die Nachfrage in Ländern wie China, Indien, Russland und Brasilien derzeit nahezu grenzenlos scheint.
In Europa wird dadurch nicht ausreichendes Wachstum garantiert. Bloß regional agierende Konzerne und speziell Klein- und Mittelbetriebe, die weiterhin das Rückrat der europäischen Wirtschaft bilden, hängen überhaupt in der Luft. Daher kommt es zu einer Akkumulation von Kapital, die im jeweiligen Unternehmen nicht mehr produktiv verwertet werden kann. Als Ausweg bietet sich die Anlage im Finanzsektor an. Damit wird der Spekulation Tür und Tor geöffnet.

Mehrwert und Fall der Profitrate

Ein zusätzliches Motiv, den Mechanismus der Finanzspekulation in Gang zu setzen, ist der von Karl Marx entdeckte „tendenzielle Fall der Profitrate“. Er verstand darunter einen gesetzmäßigen Rückgang des Profits in Relation zum Kapitaleinsatz. Ausschlaggebend dafür ist die „steigende organische Zusammensetzung des Kapitals. Sie ergibt sich, dass der Anteil der lebendigen Arbeit in der Produktion aufgrund fortlaufender Mechanisierung und Automatisierung kontinuierlich zurückgeht. Während Roh- und Hilfsstoffe sowie Halbzeug, Bauten, Maschinerie und Werkzeuge nur ihrem jeweiligen Wert nach in das Endprodukt eingehen, steuert die menschliche Arbeitskraft einen Mehrwert bei. Er sorgt dafür, dass die Gesamtheit der produzierten Waren oder Dienstleistungen einen größeren Wert hat als das dafür vorgeschossene Kapital.
Der Mehrwert beruht auf dem Doppelcharakter der Arbeitskraft: Das Unternehmen erhält für den Lohn oder Gehalt die gesamte Arbeitsleistung der Beschäftigten, die in einem vorher festgelegten Zeitrahmen erbracht wird. Die Bezahlung entspricht hingegen nicht dem Wert der geleisteten Arbeit, sondern den Kosten, die im weitesten Sinn auf einem jeweils gegebenen historischen Niveau zur Wiederherstellung der Arbeitskraft erforderlich sind. Aus dieser Differenz entspringt der gesellschaftliche Reichtum. Und sie ist gleichzeitig die Ursache dafür, dass der Reichtum der Kapitaleigentümer die Armut der Werktätigen bedingt.
Da der größtmögliche Gewinn das Hauptmotiv des Kapitaleinsatzes ist, erscheint die Pflege der Profitrate als Um und Auf, um die Anleger bei Laune zu halten. Am ausgeprägtesten ist dies in großen Aktiengesellschaften: Die Präsentation positiver Jahresergebnisse wird häufig mit der Ankündigung von massiven Kündigungswellen verknüpft. Was dem Hausverstand als absurd erscheint, ist nur logisch, wenn’s darum geht, die Profitrate zu optimieren. Der Kampf gegen den tendenziellen Fall der Profitrate löst eine Fülle von unternehmerischen Aktivitäten aus, die darauf zielen, den Mehrwert zu steigern. Sie reichen von Methoden zur Intensivierung der Arbeit über die Verlängerung der Arbeitszeit bis zum Lohndruck.
Der massive Sozialabbau und die exorbitante Umverteilung des Volkseinkommens zugunsten von Unternehmen und Vermögen in den letzten 20 bis 25 Jahren sind das Ergebnis einschlägiger Bemühungen. Dem Kapital ist es mit Unterstützung der Staatsorgane gelungen, sozialen Ballast abzuwerfen. Ziel dieser Manöver war es, die Profitrate zu entlasten. Insofern ist die Entwicklung des Kapitalismus historisch in eine groteske Phase geraten.
Die größten je in Bewegung gesetzten Kapitalmassen bringen entsprechende Profitmengen und es wird ungeahnter gesellschaftlicher Reichtum geschaffen. Um die Relation von Aufwand und Ertrag, im Lot zu halten, muss die an sich unvermeidliche Tendenz zum Fall der Profitrate gestoppt werden. Das kann den KapitalistInnen nur dann gelingen, wenn die Lohn- und Gehaltsfonds sowie die sozialen Errungenschaften gekürzt werden. Deutlicher als je vorher beruht der Reichtum in dieser Gesellschaft auf der Pauperisierung und Präkarisierung immer breiterer Bevölkerungsschichten.

Lutz Holzinger

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