Brandineser sind Geschichte

fuernhammerÜber die Rikscha ins Tschocherl ■ Verschlungen sind die Wege des Herrn. Auch jene von Arthur Fürnhammer. Der 1972 in Linz geborene Jurist mit absolviertem Gerichtsjahr heuerte bei der UNO an und flüchtete wenig später nach New York, um sich dort mehrere Jahre lang als Rikscha-fahrer zu verdingen.

Ein Gespräch mit UHUDLA-Autor Arthur Fürnhammer, erschienen in der UHUDLA Ausgabe 104/2016

Heute lebt der 44jährige Buchautor als freier Journalist und ist auch seit etwa einem Vierteljahrhundert für den UHUDLA tätig. Anlässlich der Buchpräsentation seines beliebten „Tschocherl-Reports“ im Stammcafé des verstorbenen „Mundl“-Erfinders Ernst Hinterberger ergab sich im „Café Industrie“ die Gelegenheit, einige dieser verschlungenen Wege nachzuzeichnen.

UHUDLA: Das Tschocherl als Therapieersatz.
Arthur Fürnhammer: Das ist eine gewagte Theorie. Die Erfahrung habe ich nicht geteilt, durchaus möglich. Es sind hauptsächlich Leute, die viel erlebt haben und denen das Schicksal blöd zugespielt hat. Aber Tatsache ist: Wenn jemand mit Problemen und einer gescheiterten Existenz oder auch nur allein daheim sitzt, ist das schlimm.
Und es gibt nichts Schlimmeres im Alter als einsam zu sein, und wenn es dann Lokale gibt, wo jeder hingehen kann, ohne Zutrittsbeschränkungen, und anknüpfen kann an Leute, denen es ähnlich geht, dann finde ich das gut.

War das der Anlass, dieses spezielle Biotop genauer in Augenschein zu nehmen.
Arthur Fürnhammer: Das sind Welten innerhalb Wiens, die mir bisher fremd waren. Mich haben die Leute interessiert, die schon am Vormittag da sitzen. Oder sogar noch früher. Um nach dem Nachtdienst noch a Glaserl Wein zu trinken, um besser schlafen zu können. Oder vorm in die Arbeit gehen. Das ist ein interessantes Phänomen! Früher war das noch weiter verbreitet.

Die Brandineser werden weniger.  Von den Kaffeehäusern grenzen sich die Tschocherl schon allein dadurch ab, dass sie viel früher aufsperren.

Der „Tschoch“ ist sogar im Duden zu finden, als umgangssprachlicher Ausdruck für „große Mühe“. Somit steht die Verkleinerungsform Tschocherl für die Verniedlichung einer anstrengenden Plage. Eine rein proletarische und    urwienerische Angelegenheit?
Arthur Fürnhammer: Der Konnex zur Arbeiterschaft lässt sich nicht leugnen. Die meisten sind ehemalige oder aktive Hackler – aber nicht nur. Wir haben auch einige, die serbische Besitzer haben und die auch Tschocherl sind, weil sie ein durchmischtes Publikum haben. Ein wichtiges Merkmal ist, dass es nicht viel zu essen gibt, außer vielleicht Würstel und Toast. Das Essen spielt dort nicht unbedingt eine große Rolle.

Eine Subkultur, die immun ist gegen jede Form der Anbiederung an gastronomische Trends. Auch bei der Namensgebung bleibt es eher rustikal statt weltläufig.
Arthur Fürnhammer: Das trägt für mich nur zur Sympathie bei, weil sie so einfache Namen haben und keine, die mit besonders originellen Wortkreationen auftrumpfen und Kunden keilen wollen damit – also nüchtern, sachlich. Das spiegelt das Interieur und die Kundschaft wider. Alles, nur kein Firlefanz, keine Schnöselei, ka Schnörkelei. Alles sehr einfach, klassisch, nix Schnöselhaftes!

Laut Untertitel „Die unbekannten Wohnzimmer Wiens zwischen Fluchtachterl und Gesellschaftskritik“. Wenn das Kaffeehaus das verlängerte Wohnzimmer ist, was ist dann das Tschocherl – das verlängerte Kinderzimmer? Weil die Scheffität oft als Papa und Mama angesprochen wird.
Arthur Fürnhammer: Es hängt damit zusammen, dass die Lokale sehr klein sind, deshalb wird eine gewisse Intimität geschaffen, ein familiäres Zusammengehörigkeitsgefühl. Es ist häufig vorgekommen, dass die Chefin als die Mama angesprochen worden ist. Und in fast jedem Tschocherl hat ein Gast den Satz fallen lassen: Wir sind hier wie in einer Familie.
Diese Komponente hat sich richtig aufgedrängt, das war mir vorher nicht bewusst. Aber je länger wir das gemacht haben, desto offenkundiger wurde dieses soziale Element. Damit hat sich diese Beschäftigung ins durchaus Positive gedreht – vorher war ich nur neugierig! Jetzt verstehe ich auch den Ausdruck eines Journalistenkollegen, der diese Lokale als „soziale Wärmestuben“ bezeichnet hat.

Wie heißt es bei den „Blues Brothers“: Verschlungen sind die Wege des Herrn.
Arthur Fürnhammer: Mein Weg dorthin war sehr verschlungen. Er ist noch verschlungener, wenn man bedenkt, dass ich Jus fertig studiert, sogar das Gerichtsjahr absolviert und bei der UNO gearbeitet habe. Ich habe auch als Lektor gearbeitet. Es tun sich Sachen auf, andere gehen zu. Ein Leben voller Überraschungen.

Der Weg hat mich nach Übersee geführt. Oft braucht es große Umwege – auch, wenn man noch gar nicht weiß, wo man hin will.

Und wie lebt man da – und wovon?
Arthur Fürnhammer: Man lernt die Ansprüche runterzuschrauben. Ich wusste, ich muss einen Brotberuf ergreifen. Ich hab mich durchgebissen und bin nach New York geflohen. Ich wollte Musik studieren, ein Jahr Saxophon spielen und schauen, wie weit ich komm.
Ich musste von irgendwas leben, habe was Juristisches gesucht – das war nicht möglich ohne Green Card (Arbeitserlaubnis, Anmerkung). Dann habe ich von einem Studienkollegen erfahren, dass jemand dort Rikschas – also Fahrradtaxis – eingeführt hat, als ökologische Alternative zum Taxiwahn, den es dort gibt.

Wahrscheinlich ist der Verdienst als Rikschafahrer in New York besser als der Tschocherl-Umsatz?
Arthur Fürnhammer: Wir haben angefangen mit einer Flotte von 20 Rikschas. Man hatte keinen Arbeitgeber, man lieh sich um 40 Dollar diese Rikschas aus für einen Tag. Was man verdiente, konnte man behalten. Mein bester Tag war 560 Dollar. Die besten Tage waren um Silvester, aber da wollte ich nicht arbeiten. Die meisten haben so um 300 Dollar pro Schicht verdient. Ich habe das über zwei Jahre gemacht, bin dann mangels Alternativen wieder nach Wien zurück.

Zurück nach Wien: Vor einigen Jahren zum Yppenplatz an den boboesken Brunnenmarkt nach Ottakring.
Arthur Fürnhammer: Bobos und Tschocherl ist eine Antithese! Sie existieren, sind aber Parallelwelten.

Ist das Tschocherl durch Verordnungen vom Aussterben bedroht?
Arthur Fürnhammer: Die Sperrstunde ist ein eigenes Kapitel, auch weil man nicht weiß, wo der Dienst endet und das Private beginnt. Wir waren ja eher in der Früh da. Aber seit unserem Report haben zwei Lokale schon zugesperrt.

Auf der allwissenden Müllhalde, dem Internet, konnte man auch von Verherrlichung des Alkoholismus, Förderung der Gesetzlosigkeit dem Nichtraucherschutz gegenüber sowie den Vorwurf der Sozialpornografie lesen.
Arthur Fürnhammer: Dieser Grat ist ein schmaler. Wenn man an so was herangeht, ist die Arbeitsweise entscheidend. Wir haben versucht, den Leuten auf Augenhöhe zu begegnen und niemanden vorzuführen.
Die Zitate sind alle orginal. Die Leute haben gewusst, was wir da tun. Die Vorwürfe gehen ins Leere.  Es gibt sicher welche, die mehr trinken als der Durchschnitt. Aber sie haben ihre Gründe. Was mich interessiert, warum wer Probleme hat und auf diese Bahn gerät. Aber ich würde niemanden als Alkoholiker verdammen. Mich interessiert der Mensch dahinter. Nur manchmal bestand die Gefahr, dass es zu voyeuristisch sein könnte.

Text & Foto: Karl Weidinger

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