Morbide Schönheit

chris_venedigVenedig – Touristenfalle und Perle der Adria  ■  In der Lagunenstadt, auf den Inseln Murano, Burano, Torcello, aber auch auf dem Lido oder auf Pellestrina, kann es sehr gemütlich sein. Besonders, wenn nicht gerade Tourismus-Hochsaison ist. Ein Reisebericht aus der durchlauchteste und heiterste Stadt.
Von Chris Peterka, veröffentlicht in der UHUDLA-Ausgabe 105/2016

Das erste Mal hätte ich vor mehr als 30 Jahren die Chance gehabt, Venedig kennenzulernen. Meine damalige Freundin reiste, zum in den späten 1970er Jahren wiederbelebten Karneval, der damals noch nicht so vom Kommerz dominiert war wie heute, wo sich hauptsächlich ausländische Touristen in diverse Verkleidungen zwängen und die immer weniger werdenden Einheimischen sich lieber vom Trubel fern halten.

Es hat lange gedauert bis ich dann tatsächlich den Weg in die norditalienische Lagunenstadt gefunden habe. Ich hatte bereits alles Mögliche über die Serenissima, die durchlauchtigste, oder auch die heiterste Stadt gelesen und Insidertipps von Venedig-Kennern gesammelt, bis ich im April 2004 erstmals mit dem Nachtzug nach Venedig reiste.

Als ich nach der Ankunft am frühen Morgen aus dem Bahnhofsgebäude trat, war ich im selben Moment vom Venezia-Virus infiziert

Du schaust über den Canale Grande auf die Kirche San Simeon Piccolo und weißt, du bist angekommen. Der kurze Weg zum Hotel war dann typisch für diese einzigartige Stadt – ein paar Meter Trampelpfad, eingepfercht zwischen hektischen Touristen und gestressten Einheimischen, dann die zweite schmale Gasse links rein und der Trubel löst sich umgehend auf und weicht einem Staunen ob der morbiden Pracht, der sich zum Teil in einem erbarmungswürdigen Zustand befindenden Gebäude, wenigstens den Fassaden nach zu urteilen.
Aber auch dies ist eine der großen Täuschungen Venedigs seinen Besuchern gegenüber. Denn schaut man hinter die Fassade der meisten Wohnhäuser, befinden sich die meisten Wohnungen in einem sehr gepflegten Zustand, trotz des durch die Feuchtigkeit allgegenwärtigen Schimmels, der viele Wohnungen besonders im Erdgeschoß kaum mehr bewohnbar macht.
Ich bin seit meinem ersten Aufenthalt noch öfters in die Lagunenstadt gefahren, habe nach und nach die authentischen Winkel Venedigs kennengelernt und die eigenartige, sich ständig verändernde Landschaft der Lagune zwischen dem Festland und der Adria erforscht. Außerhalb der Saison kann es auf den Inseln Murano, Burano, Torcello, aber auch auf dem Lido oder auf Pellestrina, von wo aus man am südlichsten Rand der Lagune in das Jahrhunderte zu Venedig in Konkurrenz stehende Städtchen Chioggia  gelangt, sehr gemütlich sein.
Oder auf der Giudecca, der Insel zwischen dem historischen Zentrum Venedigs und dem Lido. Einst Hochburg kommunistisch wählender Werftarbeiter, mittlerweile aber auch von der Umbauwut finanzkräftiger Immobilienhaie, die neue Viertel mit Luxuswohnungen für betuchte Ausländer entstehen lassen, heimgesucht.
Was überhaupt das größte Problem Venedigs darstellt. Nur mehr an die  40.000 italienischstämmige Einwohner beherbergt der Touristenmagnet, der Rest wurde von Spekulanten, die Wohnungspreise und Mieten in astronomische Höhen geschraubt haben, aufs Festland nach Mestre und in den Chemiehafen Marghera vertrieben.
Dafür besitzen mehr oder weniger prominente Betuchte Luxuswohnungen, die sie wenige Wochen im Jahr frequentieren und nebenher auf die zu erwartende Wertsteigerung warten. So verkommt Venedig zu einem Disneyland für Tagestouristen, die den Großteil der Besucher ausmachen und die der Stadt außer einer gehörigen Umweltbelastung und einigen Nepplokalen einen schönen Umsatz nichts bringen.
Daran konnten auch mehr oder weniger linke Bürgermeister der vergangenen Jahre nichts ändern. Der in Venedig geborene Philosoph Massimo Cacciari war zwischen 1993 und 2010 insgesamt 12 Jahre Sindaco, also Bürgermeister der Lagunenstadt. In jungen Jahren war er im Umfeld des linksradikalen Potere Operaio aktiv. Die Potere Operaio – zu Deutsch Arbeitermacht, war eine in den späten 60er Jahren hauptsächlich von Intelektuellen gegründete politische Gruppierung in Italien, die versuchte, die Arbeiterschaft in den Betrieben zu revolutionieren. Massimo Cacciari wurde später Abgeordneter der PCI, der Kommunistischen Partei Italiens. Der Philosoph Cacciari versuchte den Spagat zwischen den großen Widersprüchen der kleinen Stadt.
Venedig wirkt trotz eines Durchschnittsalters der Einheimischen von fast 60 Jahren erstaunlich jung. Denn die verschiedenen Unis und Hochschulen in der Altstadt Venedigs sorgen für ein von StudentInnen geprägtes Stadtbild, obwohl der Großteil nicht in der Stadt wohnt und täglich von der Terraferma die paar Kilometer über den Ponte della Libertá ins Centro Storico kommt. Als Centro storico wird das historische Zentrum Venedigs und die auf 118 Inseln gelegene Altstadt bezeichnet.
Speziell am Abend, als noch vor nicht allzu langer Zeit die Rollbalken herunter gelassen wurden und nach 22 Uhr kaum mehr ein Lokal geöffnet hatte, geben die vom Studieren Erholung Suchenden Vollgas und verwandeln Hotspots wie den Campo Santa Margherita mit seinen vielen Lokalen und auch der Möglichkeit auf den Stufen einer der angrenzenden Brücken ein paar Getränke zu vernichten, in eine einzige öffentliche Bar.

Zwischen 1999 und 2002 hat auch ein Rapidler, Michael Konsel, in der Serie A für 2 Saisonen bei Venezia im Fußball Tor gestanden

In der Lagunenstadt Venedig hört man auch einen herrlichen Mix aus verschiedensten Sprachen und Dialekten. Dies ist eine Parallele zum historischen Venedig, als Kaufleute aus weit entfernten Ländern, aber auch die Arbeiter aus der Werft des Arsenals oder die Matrosen auf den Handels-und Kriegsschiffen den verschiedensten Nationalitäten angehörten. Das Arsenal wird übrigens heute wieder nach jahrzehntelangem Verfall für kulturelle Präsentationen, besonders im Zuge der Biennale, genutzt. Wie auch viele andere historische Gebäude der Altstadt, die ins kulturelle Geschehen das ganze Jahr über mit einbezogen werden.
Als historisches Gebäude im negativen Sinn ist wohl das Fußballstadion zu bezeichnen. Im Stadtteil St. Elena direkt an der Lagune gelegen, macht das zweit-ältestes noch bespielte italienische Stadion einen äußerst desolaten Eindruck. Wie auch der gesamte Verein, der nach einer neuerlichen Insolvenz seit Sommer 2015 nur mehr in der 4. Liga spielt und im Besitz eines amerikanischen Millionärs ist, der den vorherigen russischen Eigentümer des Vereins abgelöst hat.
Dabei hat der von seinen großteils politisch links stehenden Fans unterstützte Verein eine  große Tradition, zwischen 1999 und 2002 hat auch ein gewisser Michael Konsel in der Serie A für 2 Saisonen bei Venezia im Tor gespielt.
Wer Venedig nicht oder kaum kennt, sollte sich ruhig einmal intensiver mit dieser einzigartigen Stadt auseinander setzen. Unbedingt zu meiden sind aber die Hochsommermonate und die Zeit des Karnevals sowie untertags die touristischen Trampelpfade. Dann stellt sich bald die Sucht ein, die Lagunenstadt immer wieder von Neuem in all ihren Widersprüchen aber auch in ihrer ganzen morbiden Schönheit zu erleben.

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