Zu Besuch bei Fidel Castro

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Im Revolutionsmuseum in Havanna kann man ein Video kaufen, das verschiedene Stationen der kubanischen Revolution zeigt. Am meisten berührt hat mich bei einer Vorführung im Bus, mit dem eine ÖKG-Delegation (Österreichisch-Kubanische Freundschaftsgesellschaft) Ende Dezember 2004, Anfang Jänner 2005 unterwegs war, die erste Begegnung zwischen Fidel Castro und Nelson Mandela.

Der südafrikanische Befreiungskämpfer wurde vom Apartheidregime verurteilt, als Castro bereits triumphiert hatte, und aus der Haft entlassen, als der Abstieg des Blocks der sozialistischen Länder beinahe abgeschlossen war. Der Afrikaner tänzelt in dem Video auf den Amerikaner zu, umarmt ihn zärtlich und lädt ihn nachdrücklich in sein Land ein. Südafrika verdankt die Befreiung auch dem uneigennützigen Einsatz kubanischer Soldaten, Lehrer und Ärzte in Angola, wo das Apartheidregime einen Stellvertreterkrieg austragen ließ.

Zwei Internationalisten, die diesem Begriff voll gerecht werden. Wird in einem der zahllosen Konflikte in Afrika Frieden gestiftet, hat Mandela die Hand im Spiel. Kuba unterstützt die bolivarische Orientierung von Hugo Chavez in Venezuela unter anderem durch den Einsatz von 13.000 Ärzten in den Armenvierteln von Caracas und bildet in einer eigenen Universität in Santiago de Cuba Akademiker für ganz Afrika und Lateinamerika aus.

Eine Reportage von Lutz Holzinger und Fotos von Elisabeth Holzinger.
Erschienen im UHUDLA Ausgabe 74/2005

Im 46. Jahr der kubanischen Revolution hofft die Bevölkerung des Landes in der immer noch anhaltenden Spezialperiode auf die positiven Auswirkungen der vor kurzem abgeschlossenen und weitreichenden Handelsverträge mit Venezuela und China. (Übrigens: Trotz der Wiederwahl von George W. Bush und des strikten von den USA gegen die Karibikinsel 90 Kilometer vor der Küste Floridas mitleidlos exekutierten Handelsboykotts beginnen westeuropäische Länder wieder mit einer moderaten Annäherung.)
Nach dem Zusammenbruch des Comecon und der dazugehörigen sozialistischen Länder wurde Anfang der 90er Jahre das Aus für die kubanische Revolution erwartet. Fidel Castro antwortete damit, dass er angesichts des Zusammenbruchs der Handelsbeziehungen (zu 100 Prozent) und der Industrieproduktion (zu 72 Prozent) die Spezialperiode ausrief, die selbstverständlich mit herben Einbußen in puncto Individualeinkommen und Lebensstandard verbunden war. Der vorhergesagte Kollaps blieb allerdings bisher bereits rund 12 Jahre aus.

MINOLTA DIGITAL CAMERASchule kommt zu den Kindern

Beibehalten wurde trotz aller Schwierigkeiten die Nah- und Vollversorgung der Bevölkerung auf dem Bildungs- und Gesundheitssektor als wesentlicher Maßstab für die Chancengleichheit und Humanität einer Gesellschaft. In Kauf genommen werden angesichts des von den USA bewirkten Ausschlusses aus der internationalen Arbeitsteilung – aus der Sicht von Bewohnern der Ersten Welt – vergleichsweise desolate Verhältnisse in der Wohnhausrenovierung und im Verkehrswesen.
Vor dem Hintergrund der heimischen Schuldiskussion im Zeichen der PISA-Studie war der Besuch verschiedener Landschulen in verlassenen Winkeln der Region von Santiago, die von der ÖKG materiell unterstützt werden, berührend. In einer von ihnen wurde nur eine einzige Volksschülerin und in einer anderen sechs SchülerInnen unterrichtet. In der Primärstufe kommt die Schule zu den Kindern. Erst ab der Secundaria (vom 12. Lebensjahr an) werden die Kinder jeweils zehn Tage innerhalb von zwei Wochen in Internatsschulen zusammengezogen.
Trotz aller Anstrengungen, gleiche Bildungschancen zu gewährleisten, zeigt die Statistik, wie am Sitz der KP Cubas erläutert wurde, dass diese Möglichkeiten von Sprößlingen aus gebildeteren Familien stärker in Anspruch genommen werden als von Arbeiterkindern. Daher wurde vor kurzem beschlossen, neben der Beschränkung der Klassenschülerhöchstzahl auf 16 Kinder zusätzlich so etwas wie BegleitlehrerInnen einzuführen: Die durchgehende Betreuung der Kinder von der Vorschule bis zum Ende der Primarstufe durch ein und die selbe Lehrkraft soll helfen, familien- und/oder milieubedingte Defizite abzubauen.
Chancengleichheit wird auch im Gesundheitswesen angestrebt, wo über 3.000 sogenannte Familienärzte, die jeweils zusammen mit einer Krankenschwester in einem eigenen, von weitem erkennbaren Haustyp untergebracht sind, die Primärversorgung garantieren. Kein Weiler ist länger als eine Gehstunde von einem Doktor entfernt, in den meisten Fällen ist es nicht weiter als zehn Minuten. Der Lohn der Anstrengung ist eine Kindersterblichkeit von lediglich 5,6 Promille im Jahr 2004. Damit liegt Kuba knapp hinter Kanada und vor den USA.
Kuba ist ein wunderschönes Land. Es ist geprägt von der Abwechslung zwischen schroffen Gebirgsregionen, weit gestreckten Ebenen und sanften Sandstränden. Typisch sind Königspalmen, Bananenstauden, Bougainville, eine Fülle weiterer verschiedener exotischer Baum- und Strauchsorten. Die Landwirtschaft ist weiterhin dominiert vom Zuckerrohr, obwohl zuletzt die Hälfte der Zuckermühlen geschlossen wurden, und extensiver Rinderzucht. Über Land springen Industriefriedhöfe ins Auge, bei denen man oft nicht weiß, ob es sich um einen saisonbedingten Stillstand oder den endgültigen Ruin handelt. Bei jeder Siedlung wartet auf der Hauptstraße ein Rudel Menschen darauf, eine Mitfahrgelegenheit auf einem Transportmittel zu ergattern. Eigene Beamte sind berechtigt, Dienstfahrzeuge aller Art anzuhalten und mit Passagieren aufzufüllen.

Differenzierung durch Doppelwährung

MINOLTA DIGITAL CAMERAWährend unserer Weihnachts- und Neujahrsferien herrschte in Kuba Leiberl- und bestes Badewetter. Aus der Sicht eines Linken, der auch hierzulande gern einer Gesellschaft ohne schreiende Ungleichheit – wie etwa zwischen Hans Peter Haselsteiner und einem „Uhudla“-Kolporteur – näher wäre, sind Spaziergänge durch die Villengegenden der kubanischen Großstädte ein reines Vergnügen. Die prächtigen Häuser (zumeist im Kolonialstil errichtet) dienen nicht dem Privatvergnügen einzelner Reicher, sondern beherbergen öffentliche Institutionen wie Kinderkrippen, Schulen, Universitätsinstitute, Bibliotheken usw.
Mit der Entwicklung des Tourismus als wesentliches ökonomisches Standbein, das zur Einnahme von Devisen für lebensnotwendige Importe unerlässlich scheint, hat die Gleichheit im Zeichen des doppelten Währungssystems Kratzer bekommen, auch wenn der US-Dollar – als Sonderzahlungsmittel neben dem Inlandspeso – vor kurzem vom Devisenpeso abgelöst wurde. Mit dem Inlandspeso sind per „Büchlein“ (so etwas wie Lebensmittelmarken) einheimische, rationierte und äußerst billige Grundnahrungsmittel, andere Inlandsprodukte sowie Mieten, Energie und Fahrkarten zu haben .
Importwaren gibt es nahezu ausschließlich in eigenen Geschäften für den Devisenpeso, dessen Kurs dem US-Dollar entspricht. Mittlerweile haben rund 52 Prozent der Bevölkerung naturgemäß höchst unterschiedlichen Zugriff auf diese Währung. In Folge dessen sind sämtliche Wirtschaftsaktivitäten, die auf Privatinitiative beruhen, darauf orientiert, Devisenpeso zu erwirtschaften. An den Stränden bei Havanna herrscht kein Mangel. Es gibt eisgekühlte Getränke, frisch zubereitete Langusten, Speiseeis aus der Kühltruhe. Obwohl die inländischen Abnehmer deutlich in der Überzahl sind, ist das alles nur für Verrechnungspeso zu haben.
Mit dem Besuch bei Fidel Castro wurde es nichts. Durch einen Übermittlungsfehler als Sportjournalist angekündigt, hat der sich natürlich nicht im Geringsten um mich geschert. Ob das anders gewesen wäre, wenn er über meine Rolle im UHUDLA Bescheid gewusst hätte, darf bezweifelt werden.

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