´s Lebm is hoat in Favorit´n

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Fritz Nussböck: Trostlosstroßn revisited ■ Fritz Nussböck schaffte eine Hymne aus den Banlieus, seinem Homeground Die Gegend um die “Trostlosstrossn”, das Trostviertel: Von Gott verlassen, den Grünen verschont. Blues, aus blutenden Herzen
Erschienen in der UHUDLA-Ausgabe 107/2017 Text und Fotos: Karl Weidinger

Ein hartes Pflaster. Frost- oder Frust-Aufbrüche? Das Ziel am Ende der Troststraße ist in Sichtweite.

Fritz Nussböck, ein Alt68er. Ein Hippie, Beatle mit Schiebedach. Der Haaransatz ist nach hinten gewandert. Wie das Dasein auch.

Daham zwischen “Trostlosstrossn” und der Trostlosigkeit

Fast sein ganzes Leben lang wohnt der 65-jährige in Favoriten, seit er mit 2 Jahren „als g’schertes Kind“ eingewandert wurde. Aufgewachsen ist er mit dem “Gigerer”, dem Pferdeleberkas, den er hier statt der Muttermilch quasi aufgesogen hat. Jetzt verlängern sie ihm die U-Bahn direkt vor die Haustür. Station Troststraße, die er immer schon als “Trostlosstrossn” bezeichnet. Wann das Buch mit diesem Titel erschienen ist, weiß er nicht mehr. „Muass so um 1994/1995 g’wesn sein“.
Auch wenn er sich nicht erinnert, andere erinnern sich gerne: “s Lebm is hoat in Favoriten ” ist eine Nummer, die inzwischen mehrfach gecovert wurde, nicht nur von Sigi Maron. Ein Stück Realität, direkt aus dem Blues, aus dem blutenden Herzen der “Trostlosstrossn”. Sein Buch mit diesem Titel verhieß “Neue Heimat-Kunden”, gespeist aus einer gewissen Trostlosigkeit (siehe Rezension, nächste Seite).
Die Troststraße zieht sich quer durch den Bezirk. Sie beginnt im Osten bei der Favoritenstraße und verläuft westlich bis zur Triester Straße. Sie endet gegenüber dem SMZ Süd und dem Preyer’schen Kinderspital. Laut Fahrradcomputer ist sie 2 Kilometer lang und besitzt 125 beziehungsweise 116 Hausnummern und gezählte 32 Kreuzungen mit Quergassen. Ihren Namen verdankt sie dem Fleischhauer Michael Trost (*1831 – 1893), der es zum Wiener Gemeinderat brachte.
Im Dialekt steht “machen” für reparieren, gehend machen. Nussböck ist ein Macher. Auch wenn heute kaum mehr Bedarf fürs Reparieren, gehend machen ist. Aber Lieder “machte” er gerne, auch wenn sie dann jemand anderer vertont hat. “Musikalisch bin i a Nudel”, sagt Nussböck und meint unterbegabt. Zittern ist nur eine Frage des Könnens und lässt sich durch richtiges Aufstützen vermeiden, sagt er.
Wenn nicht gerade die Vögel zu sehr dazwischen zwitschern. Das hätte ihn in seinem windstillen Innenhof deutlich mehr gestört, zeitlebens. „Oba du konnst ned n gonzn Obnd saufn und tschickn und spüln, und am nächsten Tog in da Hockn gstöllt sei wie a Uhrwerk“, sagt er rückblickend auf seine Karriere.
Er hatte sein Erweckungserlebnis anfang der 1970er-Jahre im legendären Folkclub Atlantis, einem dieser Kellerbiotope der Stadt. Erich Meixner von den “Schmetterlingen” und einige der der “Worried Men Skiffle Group”, Jack Grunsky und die “Milestones” waren hier zugange. Wolfgang Ambros probierte hier seinen Song „Da Hofa woar’s“.
Obwohl nicht immer gut besucht, hatte das Lokal große Bedeutung für das Coming-out der Wiener “Folkniks”, heißt es in den heroisierten Annalen der inzwischen hoch geschriebenen Musikgeschichte.

Das Machen von Uhren und Liedern als Kopf- und Handwerk

Sigi Maron, Erich Demmer und Reinhard Liebe traten dort auf und brachten ihre “Protestsongs” als kritische Liedermacher unter die Leute. Ein Durchlauferhitzer von Kabarett und Austropop, hauptsächlich kritisch und politisch verbrämt. Mit dem Einsatz in den Medien wurde das Politische deutlich heruntergekocht und vereinnahmt. Die Unbeugsamen hatten es schwerer als die Angepassten.
Was blieb war die lebenslange Freundschaft zum etwas älteren Sigi Maron, die von hier seinen Ausgang nahm. Auch für Fritz Nussböck gab es einen Plattenvertrag und dennoch keine Zukunft als Schlagerstar. Maron blieb zeitlebens ein “Lebensbruder” als Weggefährte und ein künstlerischer Partner. Er arbeitete lange Jahre in der Erlachgasse bei einer Major-Plattenfirma, einen Pflaster-Steinwurf entfernt. Bis zum Ableben des Liedermachers im Rock n Rollstuhl im Jahre 2016.
Im literarischen Nachlass “Schmelzwasser” von Sigi Maron wird er als der „Kleingewerbe treibende Fritz N.“ immer wieder erwähnt. Ebenso wie dessen Liebe zum „Marüllinger“, dem Marillenschnaps, dem ungarischen Barack.
“I bin imma ausse gfohren zum Sigi nach Baden. Meist hot er Gulasch kocht, da woa da Marüllinger nochher doppelt so guat.“ Verbunden im gemeinsamen Lieder machen, im gehend machen. Im Reparieren des ersonnenen Liedguts, bis es gut gepasst hat wie ein Uhrwerk. Songtext um Songtext. Im Pingpong-System. „Ana sogt wos und da Ondere ergänzt des – so san vüle Lieder entstonden.”
Damit ist es jetzt ein für alle Mal vorbei. Weil der Musikpartner Sigi Maron ist im Vorjahr mit 72 Jahren aus dem Leben geschieden ist. Und auch weil bei Nussböck nach einem leichten Schlaganfall ein Tumor in der Lunge festgestellt worden war und ein erheblicher Teil der Lunge entfernt werden musste. Der Dialekt ist seine Sprache, stimmig und authentisch, frisch von der Leber weg.
„Des mit’m Schlaganfall und’m Krebs im Beuschl is zuföllig entdeckt wurdn. I hab s Wort Nylonstrumpfhose nimma sogn kenna.“ Kleine Ursache, große Auswirkung. Das Leben stellte die Weichen von hart auf weich. Mit der Sauferei und Tschickerei ist es seither vorbei.
Für Sigi Marons 20. und letztes Album „Dynamit & Edelschrott“ steuerte Fritz Nussböck ein Drittel, also 6 von 18 Texten bei. Wie den Eröffnungstitel “Dynamit”. Eine Textzeile, die den Verfassungsschutz wieder alarmieren könnte: „I spül mi jetzt mit Dynamit. Und gehts in d Luft, dann geh i mit“.
Dynamit ein Lieblingswort. Nussböck gründete 1980 das Rock-Kollektiv Dynamit, begann 1985 für andere Interpreten zu schreiben. Und auch Coverversionen, zu denen er es brachte. Aber ans Exil in Meidling hat der 65-jährige Favoritner noch nicht gedacht, außer in einem Song.

Net erst mit de Einwondra is s Verbrechn noch Wean kumma

Die Interpretation des Autors war eine ganz andere Sache als das nachgespielte Drumherum von professionellen Aufführungskünstlern. Der Liedermacher stellte seine Gesangstätigkeit aus Gründen des Lampenfiebers hintan. Aber nicht nur das. In Verehrung für Kurt Schwitters hat er viele seiner Texte verbrannt, weil er nix vom Konzept der Unsterblichkeit halte.
„Alkohol, die Geissel der Arbeiterschaft“, sagt Fritz Nussböck. Aber ist das Leben, “s Lebm” wirklich gar so hoart in Favoriten?
“In Bruada hot a Fisch dawischt”, also Bekanntschaft mit einem Messer gemacht, wie man so sagt. Oder provokant im Liedtext: „Wia sa se so g’heat.“ Es gibt nichts Grausameres, außer vielleicht einem Hackenattentat mit einer Axt oder einer Machete.
„I hob amoi gesgn, wia s wen obgstochen hobm beim Stoß im Himmel. Mia braucht kana wos dazöhln. Net erst mit d Einwondra is s Verbrechn kumma. Des hot’s do scho immer gebm“. Skandal so ein Text? Fritz Nussböck bekümmert das nicht.
„Des is ma wuascht. I bleib a Prolo, a Hackler und a Kummerl. Weil wos ondres zohlt si nimma aus fia mi.“

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